Das Thema dieser wichtigen kunsthistorischen Publikation, mit der rund 350 Kir-chenkanzeln aus Kärnten aufgearbeitet wurden, liegt nun scheinbar außerhalb unse-res Faches. Als Ort der Predigt innerhalb der Gemeinschaft des Kirchenvolkesspricht die Kanzel namentlich in ihren barocken Hochformen unmittelbar zu diesem.Und wie in der Predigt selbst, so kam der überschwengliche Lebensstil der Barockemit ihren zahlreichen Andachten und Festen, dem Triumphgefühl und den Schau-spielen der Jesuiten gerade in den Ländern Innerösterreichs auch ungebrochen inder Ausstattung von Kirche und Kanzel zur Wirkung. Deren sichtliche und spre-chende Hervorhebung bei Katholiken und Protestanten wie auch ihre ebensounübersehbare Meidung in jüngster Zeit und schon vor dem Zweiten Vatikanumerweisen sie als ein ganz entscheidendes Medium im kirchlichen Leben, das zwischenSpätmittelalter und moderner Zeit auch über letzteres manches zunächst vielleichtnicht Erwartete aussagt.
Die Grundlage für diese sehr fleißige Bestandsaufnahme der Kanzeln in Kärntenbildet eine Grazer Dissertation bei Horst Schweigert. Sie geht von einer Übersichtzur Handwerksgeschichte der Tischler, Maler und Bildhauer Kärntens im 17. und18. Jahrhundert aus und gliedert sich in eine formalgeschichtliche Untersuchung derbarocken Kanzeln in ihrer stilgeschichtlichen und kunsttopographischen Gruppie-rung samt etwa zehn weiteren, außergewöhnlichen Kanzeltypen in Kärnten. Imzweiten Hauptabschnitt behandelt sie ferner die Ikonographie der barocken Kan-zeln, die auch für den Volkskundler eine sehr willkommene Hilfe darstellt und rund20 ikonographische Grundmotive erarbeitet. Schließlich folgen dann in einem Kata-log die einzelnen Denkmäler in alphabetischer Reihe nach ihren Standorten, einumfangreicher Bildteil sowie Literatur und Register.
Das Buch ergänzt nicht nur die bisherigen Kunsttopographien für das Land Kärn-ten von der alten ÖKT 1 Helferts( 1889) bis zum neuen Dehio( 1981²), sondern esbietet gerade für den Volkskundler zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten, auf dieder Verfasser allerdings nirgends näher eingeht. So wäre schon handwerksgeschicht-lich die frühneuzeitliche Kanzel etwa auch mit dem Hausmöbel und Stilmöbel inParallele zu setzen; bei manchen Denkmälern( Pleßnitz, Oberwollanig, Gorit-schach, St. Jakob bei Wolfsberg u. ä.) sind solche Zusammenhänge unübersehbar.Und die Herausarbeitung zahlreicher Tischlerwerkstätten und Faẞmaler in Kärntenwird auch die Möbelforschung mit Interesse registrieren, in der wir übrigens mitmanchem schon vorgearbeitet haben.
Auch was die Kanzelausstattung und deren Bildmotive betrifft, liest der Volks-kundler schon manches mehr aus den Gestaltungsprogrammen und deren doch sehrtypischen Zeitlagen vom 16. bis zum späten 18. Jahrhundert heraus. So etwa wirdman die Kanzel von St. Martin im Granitztal wohl nicht nur dem Fest MariaeNamen“ zuschreiben. In ihrer Gesamtausführung ist sie vielmehr der theologischenSpekulation der„ trinitas terrestris“ und„ trinitas coelestis" gewidmet, zu der auchdas beliebte frühbarocke Bildthema vom„, heiligen Wandel" und der heute noch sehrpopuläre, kräftige Ausruf ,, Jessas Mar and Josef“ mit einem sehr viel tieferen bildge-schichtlichen, glaubens- und kultgeschichtlichen Hintergrund gehört. Die Verfasse-rin behandelt auch das bildhafte Gleichnis vom„ Sämann“ nach Matth. 13,3( S. 218-221), das an 19 Kärntner Kanzeln in bestimmten Varianten nachgewiesen wird.Damit hat sich die Volkskunde zunächst und eingehend befaßt( Leopold Schmidt,J. Neubauer), und letzterer hat am Vorkommen dieses Motivs namentlich im steiri-schen Ennstal in vorjosephinischer Zeit eine besonders zeitspezifische homiletische
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