Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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je nachdem apologetischem oder polemischem Akzent ausgeweitet, die Grenz-land- und Sprachinselvolkskunde einerseits nach Art komplexer Regionalmonogra-phien betrieben, anderseits aber als Paradigma für die kulturelle( und das heißt:nationale) Kontinuität in fremdsprachiger Umwelt dargestellt. Es ist eben keinZufall, daß gerade hier so ganz ausdrücklich ,, Das stammhafte Gefüge des deutschenVolkes( Josef Nadler, München 1934, angeregt durch entsprechende HinweiseAugust Sauers) in den Blick einer Literaturwissenschaft gerät, die Poesie nicht nurdichtungsgeschichtlich betrachtet, sondern in ihr den Ausdruck gruppengeistigerBefindlichkeiten" sucht und zu finden glaubt, aus sozialpsychologischem Interessealso. Mehrere deutschböhmische Universitätsvolkskundler haben, seltener prinzi-piell- theoretisch, häufiger konkret durch die Behandlung eines bestimmten Stam-mes" oder ,, Volksschlages", gelegentlich auch einer Nation, stammeskundliche bzw.-charakterologische Untersuchungen beigesteuert, neben anderen Franz J. Bera-nek, dessen Venia( 1944) ausdrücklich die Volkskunde und StammesgeschichteMährens" umfaßte, Gustav Jungbauer, ferner Josef Hanika und Emil Leh-mann, die beide auch zu dem Sammelwerk Der deutsche Volkscharakter. EineWesenskunde der deutschen Stämme und Schläge, hrsg. von Martin Wähler, Jena1937, beigetragen hatten, sowie die Slawisten Gerhard Gesemann und KonradBittner, der erstere mit seinen seinerzeit berühmten, heute zwar überholten, aberimmer noch lesenswerten balkanischen Heroischen Lebensformen( Berlin 1943,inzwischen als Neudruck wiedererschienen), Bittner mit einer eher farblosen Ver-gleichscharakterisierung von Deutschen und Tschechen.

Mit dem Stammesgeschichtlichen eng verbunden waren die Untersuchungen zur,, Sprachinselvolkskunde", und zwar sowohl von solchen auf dem Gebiet der ČSR alsauch anderer in Ost- und Südosteuropa; lediglich Siebenbürgen bildet da einegewisse Ausnahme. Altmeister Adolf Hauffen hatte mit seiner Monographie überGottschee das Vorbild gegeben, Walter Kuhn popularisierte den Begriff und lie-ferte ein gewisses theoretisches Fundament, beschrieb daneben aber auch konkretgalizische Minoritätengruppen, wie das auch Alfred Karasek- Langer tat, der imLaufe der Zeit zum wohl fruchtbarsten Autor dieses Sachgebietes wurde, wobei sichbei ihm allmählich an die Stelle der rein räumlich akzentuierten Arbeiten( komplexeMonographien über bestimmte Minderheitengruppen) solche mit thematischemSchwergewicht( Volkserzählung, Volksschauspiel usw.) schoben; seine und seinerMitarbeiter( Josef Lanz, Karl Horak, Alfred Cammann u. a.) Nachwirkunghält noch an. An weiteren Namen seien nur genannt Franz J. Beranek( Slowakei,Mähren), Josef Hanika( Karpatendeutsche), Ignaz Göth( Iglau), Franz Spinaund Alois Czerny( Schönhengstgau) und viele andere mehr.

So unterschiedlich nach wissenschaftlichem Gewicht und auch nach ihren Tenden-zen die Arbeiten über die genannten Themengruppen auch waren, eine deutlicheNähe zur angewandten Volkskunde ist den meisten von ihnen doch eigen. Nun ist jader Ruf nach einer praxisbezogenen Wissenschaft unseren Tagen nicht fremd, nursind ihre Vorzeichen radikal verändert, was den gelassenen älteren Betrachter dereinander ablösenden wissenschaftlichen Schulen und Richtungen unmöglich überra-schen kann- plus ça change, plus c'est la même chose. Aber ich will die hier nichteingehender zu behandelnde Problematik allzu enger Verflechtungen wissenschaft-lichen Handelns mit Tagesfragen und aktuellen Ideologien( und exempla docent,daß das problematisch ist und bedenklich sein kann) nur andeuten und, zu unseremKontext zurückkehrend, lediglich feststellen, daß die gegenüber der Zwischen-

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