Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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über die Beschaffenheit der Quellen( wann und von wem wurden die erwähntenHeilpraktiken und Krankheitsvorstellungen aufgezeichnet) erfahren. So vermiẞtman auch eine stellenweise sicher angebrachte Quellenkritik. Der Großteil der Auf-zeichnungen scheint jedenfalls aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, also ausder Zeit des Erscheinens der oben genannten Sammlung von V. Fossel, zu stammen.Daneben konnte die Verfasserin aber auch wesentlich ältere Quellen erschließen,etwa ein handschriftliches Rezeptbuch von 1545 aus dem steirischen Landesarchiv.Nach der bereits genannten forschungsgeschichtlichen und theoretischen Einlei-tung gliedert E. Grabner ihre Studie in fünf Hauptkapitel: Krankheitsvorstellungen,Krankheitsfindung, Krankheitserklärung, Schutz- und Heilmittel und schließlichempirische und magische Heilpraktiken. Mit hervorragender Sachkenntnis zeigt siean ausgewählten Beispielen Grundzüge" und Besonderheiten der ostalpinenVolksmedizin auf, reiht aber auch, und dies ist ein großer Vorzug der Arbeit, die vonihr behandelten Phänomene ein in große geistes- und kulturgeschichtliche Zusam-menhänge von der Antike über das Mittelalter bis in unser Jahrhundert. Sie bringtdabei Vergleichsmaterial aus ganz Europa, teilweise auch noch darüber hinaus. Aufdiese Weise gelingt es der Verfasserin, die weite Verbreitung vieler Krankheitsvor-stellungen und Heilpraktiken( s. z. B. die Abschnitte über Fieber, Heiliges Feuer",Transplantation oder das Umgürten) zu beweisen und sie damit aus der räumli-chen Beengtheit zu lösen, die vielen volkskundlichen Untersuchungsobjekten mitder Vorsilbe ,, Volks- lange Zeit anhaftete.

Ein ausführliches Register und ein wertvoller Bildteil schließen den Band ab. Lite-ratur-, Abkürzungs- und Quellenverzeichnisse muß man dagegen leider vermissen.Die Stärke dieser Habilitationsschrift ist sicher im großräumigen, kulturhistori-schen Vergleich zu sehen, und Volksmedizin wird demgemäß auch in erster Linie alshistorische Kategorie aufgefaßt. Empirisch erhobene Daten zur gegenwärtigenSituation werden kaum eingebracht. Im Zentrum stehen Analyse und Einordnungvolksmedizinischer Phänomene, wogegen das soziale Umfeld doch stark in den Hin-tergrund tritt. Die Erschließung dieses Kontextes sowie die Erfassung der gegen-wärtigen Situation lagen aber wohl auch gar nicht in der Absicht der Verfasserin.

Aufs Ganze gesehen, liegt hier ohne Zweifel eine überaus wertvolle Studie vor, anderen Ergebnissen keine zukünftige Untersuchung in diesem Teilgebiet unseresFaches wird vorbeigehen können. Die gemachten Einschränkungen können undwollen dem sicher keinen Abbruch tun.

Ingo Schneider

J. Onofrio, Théâtre Lyonnais de Guignol, Mit einem Vorwort von MarcelMaréchal. Marseille, Laffitte Reprints, 1978, 487 Seiten, Abbildungen.Monique Ray( Red.), 30° anniversaire de la donation des marionnettesde la collection Léopold Dor. Katalog. Lyon, Musée Gadagne, 1986,unpag., Abbildungen.

Das Musée Gadagne in Lyon beherbergt neben einer stadtgeschichtlichen Samm-lung eine umfangreiche Kollektion von Marionetten, die zu einem beträchtlichenTeil von dem Lyonnaiser Juristen Maître Léopold Dor gesammelt und in den fünf-ziger Jahren dem Musée des Arts et Traditions Populaires geschenkt wurde, mit

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