Dieser Hinweis hinderte Moser jedoch nicht, ein Foto vom Bräunlinger Fast-nachtszug mit den mitgeführten Schiffen des Kolumbus zu publizieren( S. 79) underneut für sich zu interpretieren, daß es sich dabei symbolisch um das mittelalterlicheNarrenschiff handelt, von dem aus man in das„, Schiff des Heils"(= Kirchenschiff)umsteigt. Moser hält einige Seiten weiter sogar ausdrücklich fest:
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„ Ob man in der Fastnacht von Bräunlingen die, Santa Maria' des WelteroberersChristoph Columbus... durch die Straßen zog immer ging und geht es um dieSchaffung eines närrischen Gegenbildes zum Schiff des Heils', das heißt, um dieDemonstration des Narrentums, das sich letztlich der besseren Alternative bewußtbleibt"( S. 82).
Der Verfasser ignoriert den berechtigten Einwand Bausingers völlig, weil nichtsein kann, was nicht sein darf!
Dieses kleine Beispiel zeigt, wo die Problematik des Buches liegt: Moser hat dieFastnachtsdiskussion um eine wesentliche Facette bereichert und den bedeutendenEinfluß der Kirche auf das Brauchgeschehen deutlich gemacht. Es kann jedoch nichtdarum gehen, eine Einseitigkeit gegen eine andere zu tauschen, deshalb kann mitBausingers Worten nur gemahnt werden: Für eine komplexere Fastnachtstheorie!
Helmut Eberhart
Anmerkungen:
1. Hermann Bausinger, Für eine komplexere Fastnachtstheorie. In: Jahrbuch für Volks-kunde. Neue Folge 6( 1983), S. 101-106.
2. Ebda., S. 105.
3. Dietz- Rüdiger Moser, Narren- Prinzen- Jesuiten. Das Karnevalskönigreich am Colle-gium Germanicum in Rom und seine Parallelen. In: ZfVk 77( 1981), S. 167-208, hier: 195.
Peter Putzer, Das Salzburger Scharfrichter- Tagebuch( 1757-1817)(= Schriften d. Instituts f. Historische Kriminologie, Bd. 1). Wien, Österr. Kunst-u. Kulturverlag, 1985, 110 Seiten, 8 Farb- und 10 Schwarzweißabb.
Mit dem ersten Band einer neuen Reihe, die sich der Pflege der historischen Kri-minologie widmen will, liegt die Edition einer Quelle vor, an der neben anderen Dis-ziplinen auch die Volkskunde nicht wird vorbeigehen können. Dabei verwundert,wie lange es gedauert hat, bis mit dem Salzburger Scharfrichter- Tagebuch das einzigein Österreich bekannte Exemplar dieses höchst seltenen Typus- in deutscher Spra-che existieren davon rund ein halbes Dutzend gedruckt zugänglich gemachtwurde; bekannt waren diese Aufzeichnungen des letzten Salzburger Freimannesschon durch eine kleine Publikation aus dem Jahre 1907.
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Jetzt liegen in einer gut ausgestatteten Ausgabe diese Freimannaufzeichnungenmit einer die Problematik des Scharfrichterstandes sowie die von deren Tagebüchernvorstellenden Einleitung des Verfassers vor. Glossar und Register erleichtern dieBenützung. Eine schriftpsychologische Expertise der Scharfrichterhandschrift ist alsmethodischer Versuch zu werten und mit allen Vorbehalten zur Diskussion gestellt.Das vorweg Bestürzende an diesem„ Executions Einschreib Buch" des FranzJoseph Wohlmuth( 1738-1823), der am 20. April 1757 mit einer durch das Schwertvollzogenen Enthauptung sein„ Meisterstück“ erbringt, ist darin zu sehen, daß uns
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