Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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kreativer Boden für zahlreiche Neuerungsbewegungen. Der überwiegende Teil derWiener Bevölkerung blieb aus ökonomischen bzw. soziokulturellen Gründen vondieser Kultur(...) einfach ausgeklammert, nämlich das Kleinbürgertum und dasProletariat bzw. Subproletariat"( S. 318), und sie bleiben auch bei den meisten Fil-men, Publikationen oder Ausstellungen weiterhin ausgeklammert.

Eva Kausel

Hiltraud Ast, Markt Gutenstein. Ackerbürger, Arbeiter, Handwerker. Augs-burg 1986. 376 Seiten, 424 Abb., Karten und Skizzen. Hg. und zu bestellen bei:Gesellschaft der Freunde Gutensteins, A- 2770 Gutenstein, Postfach 11( ÖS 590,-).

Der erste Teil eines mehrbändigen Werkes beinhaltet sehr häufig mehr an Ideen-reichtum und Gehalt als die folgenden Bände; anders jedoch im vorliegenden Fall:Obwohl bereits der erste Band der Häuserchronik über das Leben im bäuerlichbesiedelten Umfeld des niederösterreichischen Marktes Gutenstein als vorbildlichfür die Aufarbeitung einer Ortsgeschichte bezeichnet wurde( ÖZV XXXIX/ 88,Wien 1985, H. 1, S. 82-84), übertrifft der nun erschienene und abschließende Teildie erste Arbeit beträchtlich! Die Dichte der Darstellung ist außerordentlich, reichtdoch der Inhalt von der traditionellen Volkskunde über die Sozial- und Wirtschafts-geschichte bis zur Kunsttopographie, kurz, alle Facetten einer Kulturgeschichteeines eng begrenzten Siedlungsraumes werden dargeboten. Um so erstaunlicher,daß die Lesbarkeit nicht gelitten hat. Der umfangreiche Anmerkungsteil zeigt, daßfast ausschließlich Primärquellen verwendet wurden, und gibt beredtes Zeugnis vomungemein weitgespannten Wissen der geschätzten Autorin, die sich seit Jahrzehntenmit dieser Materie befaßt.

Ausgangspunkt des vorliegenden Werkes bilden die 60 Chroniktafeln der Bürger-häuser, anhand derer sich auch die Familienstrukturen verfolgen lassen. Das Lebenim Markt Gutenstein war bestimmt durch die Arbeit der Kleinhandwerker, derHammerschmiede und des Kupferwalzwerkes, durch den Sitz einer Grundherrschaftund einer Pfarre mit Wallfahrtsort sowie durch das Wirken von vier Adelsfamilien.Um der Nachwelt eine Vorstellung auch von jenen Handwerkszweigen zu vermit-teln, die bereits erloschen sind, verwendet die Autorin auch Illustrationen aus ande-ren Regionen und Zeiten. Es ist bedauerlich, daß die Verfasserin den ungebräuchli-chen Begriff, Waldbürger nicht einzuführen gewagt hat: er bildet nämlich einGegenstück zum Begriff des Ackerbürgers", der für eine Wirtschaftsform gilt, woder Ertrag aus dem Handwerk durch Naturalbezüge aus einer kleinen Landwirt-schaft ergänzt werden mußte. Der Eigenart des Schneeberggebietes entsprechendwar nämlich die Forstwirtschaft mit Kohlen- und Kalkbrennen in den bürgerlichenGemeinwäldern Gutensteins nutzbringender als die Bebauung der wenigen Acker-flächen. Für die Autorin bildet es eine Genugtuung, daß sie für die Industrie-unternehmen, die im Talkessel von Gutenstein seit Beginn des 16. Jahrhundertsansässig sind, eine vollständige Betriebsgeschichte erstellen und damit einen wichti-gen Beitrag zur noch ausständigen Industrietopographie Niederösterreichs leistenkonnte. Bemerkenswert ist auch, wie mit großem Geschick und Wissen dem Leserdas grundherrschaftliche Verwaltungssystem verständlich gemacht wird, indem die-sem einigermaßen vergleichbare Begriffe aus der Gegenwart gegenübergestellt wer-den. Zwischen 1848 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges erlebte Gutenstein

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