Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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Hubert Ch. Ehalt, Gernot Heiß, Hannes Stekl( Hgg.), Glücklich ist, wer ver-giẞt? Das andere Wien um 1900(= Kulturstudien, Bd. 6). Wien- Köln- Graz, Hermann Böhlaus Nachf., 1986, 397 Seiten, Abb.

Traum und Wirklichkeit hieß die große Jahrhundertwende- Ausstellung, dienicht nur in Wien, sondern auch im Ausland viel Anklang fand, wie ja überhaupt dieZeit der Jahrhundertwende in Mode zu sein scheint. Nicht nur zahllose Publikatio-nen und Ausstellungen beschäftigen sich mit dieser Ära, auch in den Medien, in Filmund TV, ist die Jahrhundertwende stark vertreten. Es bleibt aber ein verzerrtes Bild,das uns da geboten wird, ein eklektischer Ausschnitt aus einer Vergangenheit, dienoch nicht so lange zurückliegt, an die sich unsere Großeltern oft noch erinnern kön-nen. All diese Publikationen, Filme, Ausstellungen pflegen ein Klischeebild, verklä-ren das ,, Fin de siècle", stilisieren es zu einem Mythos, der genaueren Betrachtungenwohl kaum standhalten kann. Viel Traum und wenig Wirklichkeit, meint DieterSchrage nicht zu unrecht( S. 315). Vereinfachend wird vielfach die Lebenswelt die-ser Zeit auf ihre künstlerischen und kunstgewerblichen Äußerlichkeiten und Aus-drucksformen reduziert, auf die Äußerungen einer kleinen Schicht der städtischenBevölkerung, und sogar der Gemeindebau wird zu einem überhöhten Symbol fernabvon jeder realen Lebenswelt seiner tatsächlichen Bewohner. Gegen die nostalgi-sche Harmonisierung des, Wien um 1900' wollen die in diesem Band gesammeltenAnalysen und Skizzen die vielfältigen kulturellen Ausdrucksformen, die schicht- undgeschlechtsspezifischen Erfahrungen und die sozialen Strukturen im Wien der Jahr-hundertwende in ihren Zusammenhängen aufzeigen"( Hubert Ch. Ehalt in seinemVorwort, S. 13). Die Autoren versuchen, gegen ein Geschichtsbild anzuschreiben,das, aus den historisch- konkreten Sinnbezügen willkürlich herausgelöst, einenÄsthetizismus fördert, der die Unsicherheit unserer gegenwärtigen Gesellschaft,ihrer Wertorientierungen und ihre Skepsis dem Fortschritt gegenüber deutlich zuTage treten läßt.

Der erste Abschnitt widmet sich unter dem Titel Lebenswelten: Erinnerungen,Vergessenes, Verdrängtes" Situationen des Alltagslebens, der Kindheit( HannesStekl ,,, Sei es wie es wolle, es war doch so schön." Bürgerliche Kindheit um 1900 inAutobiographien; Reinhard Sieder, Vata, derf i aufstehn?" Kindheitserfahrungenin Wiener Arbeiterfamilien um 1900; Gertrude Langer- Ostrawsky, Wiener Schulwe-sen um 1900), den Erfahrungen von Liebe und Sexualität( Inge Pronay- Strasser, VonOrnithologen und Grashupferinnen. Bemerkungen zur Sexualität um 1900; Elisa-beth Wiesmayr, Patt der Herzen. Inszenierungen der Liebe im fin de siècle; SabinaKolleth, Gewalt in Ehe und Intimpartnerschaft), Wohnungselend, Arbeitswelt undGesundheit bzw. Krankheit( Michael John, Obdachlosigkeit- Massenerscheinungund Unruheherd im Wien der Spätgründerzeit; Josef Ehmer, Wiener Arbeitsweltenum 1900; Jan Tabor, An dieser Blume gehst du zugrunde. Bleich, purpurrot, weiß-Krankheit als Inspiration).

Der zweite Teil, Kulturelle Ausdrucksformen", bringt neun Beiträge zu den ver-schiedensten Themenbereichen: Gernot Heiß, Erich von Stroheim: Wien in Holly-wood. Erinnerung, Wirklichkeit, Fiktion; Roman Sandgruber, Cyclisation und Zivi-lisation. Fahrradkultur um 1900; Gottfried Pirhofer, Das neue Wiener Interieur derJahrhundertwende am Beispiel der Hohen Warte"; Dieter Schrage, Klimt- Ikoneund Waschbottich. Zu Traum und Wirklichkeit um 1900; Silvia Ehalt, Wiener Thea-ter um 1900; Konrad Paul Liessmann, An Schönheit sterben. Zur Verfahrensweisedes Poetischen Geistes im Wiener fin de siècle. Mit Anmerkungen zu

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