Ikonographie der Volkserzählung
Drittes Symposium zur Volkserzählung auf der Brunnenburg
9. bis 11. Oktober 1986
Bereits zum dritten Mal luden das Innsbrucker Institut für Volkskunde/ Europäi-sche Ethnologie und der Arbeitskreis Brunnenburg zu einem Symposium zur Volks-erzählung auf die Brunnenburg bei Dorf Tirol. Wie schon bei den vorangegangenenTagungen betont, wurde diese in jährlicher Folge stattfindende Tagung mit dem Zielins Leben gerufen, Tirol als eine der traditionsreichsten Regionen der deutschenSagenlandschaft, man denke nur an I. V. Zingerle, J. N. Ritter v. Alpenburg,A. Heyl, Th. Vernaleken oder K. F. v. Wolff, erneut zu einem Zentrum der Erzähl-forschung werden zu lassen. Die Arbeitstagungen auf der Brunnenburg gelten dem-gemäß in erster Linie der Vorbereitung und Durchführung dieses langfristigen Vor-habens unter der Leitung von Leander Petzoldt.
Während man sich in den beiden vergangenen Jahren mit methodischen Proble-men der Erfassung gedruckter und ungedruckter Erzähltexte, der Klassifizierungalpenländischer Sagenstoffe u. v. a. auch der Erhebung, Analyse und Interpretationvon gegenwärtigem Erzählgut auseinandergesetzt hatte¹, ging es beim diesjährigenSymposium erstmals um eine etwas speziellere Fragestellung. Nachdem LeanderPetzoldt bereits in seinem öffentlichen Vortrag im Oktober 1985 über das Thema,, Bilder und Geschichten" referiert hatte, lag es nahe, sich einmal näher mit dem Pro-blem der Ikonographie zu beschäftigen. Unter dem Generalthema„ Ikonographieder Volkserzählung“ wurde das Verhältnis von Wort und Bild, von Erzählung undbildlicher Darstellung beleuchtet, wurden Fragen der zeitbedingt wechselndenInterpretationen und der mitunter völlig inkongruenten Bild- und Textkontinuitätdiskutiert.
Der Einladung auf die Brunnenburg waren Referenten und Teilnehmer aus fünfNationen gefolgt: aus Schweden Nils Arvid Bringéus und Anna Brigitta Rooth, ausDeutschland Helmut Fischer, Hans- Jörg Uther, Lutz Röhrich und Walter Heissig,aus der Schweiz Hans Trümpy und Gotthilf Isler, aus Italien bzw. Südtirol UlrikeKindl, Siegfried de Rachewiltz und Hans Fink und aus Österreich Klaus Beitl, FelixKarlinger und Oskar Moser.
Das Eröffnungsreferat am Abend des 9. Oktober hielt der Lunder OrdinariusN. A. Bringéus zum Thema„, Asinus vulgi": Das Exempel von Vater, Sohn und Eselin der europäischen Bildtradition( AaTh 1215; s. EM, Bd. 1, Sp. 867 ff.). Bringéushatte damit ein Musterbeispiel einer Erzählung gewählt, die sich auf Grund ihrer kla-ren, symmetrischen Struktur besonders zur Darstellung in Form einer Bilderge-schichte anbot. Die ersten bebilderten Handschriften mit dem Asinus vulgi sind auchbereits aus dem 15. Jahrhundert bekannt( z. B. Ulrich Boner: Der Edelstein. Bam-berg Pfister 1461). Die Erzählung erfüllte trotz schwankhafter Elemente und einergewissen Affinität zur Fabel von Anfang an die Funktion eines Exempels, dessenAussage vielfach in Sprichwörtern, wie etwa„ Der argen Welt tut niemand recht"( Hans Sachs), gefaßt wurde( vgl. Brednich, in: EM, Bd. 1, Sp. 870). Bringéus gingin seinem Vortrag aber vor allem auf ein Motiv ein, das eigentlich nicht dem Kernder Erzählung angehört und auch durchaus nicht in allen Varianten anzutreffen ist,
1 Die Vorträge bzw. Ergebnisse der Tagungen der Jahre 1984 und 1985 werden demnächst ineinem Band zusammengefaßt in der Reihe des Innsbrucker Institutes für Volkskunde/ Europäi-sche Ethnologie erscheinen.
58