Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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Zur kognitiven Identität der

Volkskunde*)

Von Rolf Lindner

Für h. b.

1.

In der Wissenschaftsforschung wird von der kognitiven Iden-tität eines Faches gesprochen, wenn nach den Paradigmen, Pro-blemstellungen und Forschungsmethoden gefragt wird, die demFach Einzigartigkeit und Kohärenz verleihen. Die kognitive Identi-tät ist für jedes Fach von existentieller Bedeutung, denn sie dient inerster Linie dazu, das Programm eines Faches von bereits vorhan-denen oder neu entstehenden Konkurrenzprogrammen zu unter-scheiden¹.

Die kognitive Identität ist bei einem kleinen Fach wie die Volks-kunde zugleich stabiler und gefährdeter. Stabiler deshalb, weil diezur Abstützung und Verstärkung der kognitiven Identität notwen-dige Herausbildung einer in Institutionen, Gesellschaften u. a. m.verkörperten sozialen Identität ungleich leichter zu bewerkstelligenist und weil der Prozeß der Selbstverständigung, die fachinterneKonsensbildung über die kognitive Identität innerhalb der Wissen-schaftlergemeinde intensiver und reger vonstatten gehen kann alsin Großdisziplinen, die sich ihre eigenen Konkurrenten unter einund demselben disziplinären Dach schaffen. Gefährdeter ist diekognitive Identität insofern, als ein kleines Fach Gefahr läuft, seineEigenständigkeit zu verlieren, sei es, weil es seines Gegenstandesverlustig geht( er wortwörtlich wie metaphorisch ausstirbt), seies, weil sich eine Nachbardisziplin mit Orientierungscharakter in

*) Vortrag, gehalten am 8. Jänner 1986 im Institut für Volkskunde der UniversitätGraz.

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