ist, die in vielen Tonbandaufnahmen in einzelnen Archiven gesammelten Melodienerfassen zu können; ich denke dabei zum Beispiel an das reichhaltige Material derSammlung von RAI, von dem ich nur Bruchstücke kenne.
Bei der Untersuchung der Melodien merkt man, daß kein Theoretiker, sondernein Praktiker( Schulmusiker) am Werk ist, der zu interessanten Ergebnissen kommt.Zwar scheint manches etwas überspitzt und eigenwillig formuliert, doch ist keineDeutung konstruiert oder in falsche Richtung führend.
Bei der Melodie auf Seite 157 zum Märchen vom tōnenden Knochen habe ich ver-gessen, Leidecker mitzuteilen, daß ich auch einen Beleg besitze, in dem die Gesangs-verse von einer Schalmei begleitet werden, das heißt, Sänger und Instrument singenbzw. spielen genau die gleiche Melodie und auf gleicher Tonhöhe. Auf diese Weisewird evident, was in dieser Märchengruppe als Doppelsinn steckt: der Knochen( oder das aus der Leiche gewachsene Rohr) gibt nicht nur eine Blasmelodie wieder,sondern läßt sich unmittelbar als Sinnzusammenhang in Worten erfassen. ImSardischen gibt es eine interessante Variante, wobei zuerst die Singstimme einsetzt,in der zweiten Verszeile ein Blasinstrument die Melodie jedoch eine Quart höher alsgenaue Parallele der Melodie überblasend begleitet, sozusagen eine Melodie-verdopplung.
Eine Fülle von Einzelbeobachtungen des Autors bereichern das Buch. Vielleichthätte man dabei das Dominieren des Melodischen gegenüber dem Rhythmischennoch stärker betonen sollen. Das gilt freilich nicht für alle europäischen Land-schaften.
Skeptisch bleibe ich gegenüber Leidecker( und D. R. Moser) hinsichtlich einer tie-fer reichenden Autorschaft der Mlle L'Heritier am Märchen„, Ricdin- Ricdon"( 1705), da das Motiv vom sich singend verratenden Dämon älter ist. Derlei Reservengegen Einzelpunkte des Buches vermögen nicht dessen Wert für die Forschung ein-zuschränken. Eine erfreuliche Bereicherung zu einem bisher in der Erzählforschungetwas vernachlässigtem Fragenkomplex! Zugleich aber ist das Buch auch ein Belegfür die Wichtigkeit in der Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen.
Felix Karlinger
Maja Bošković- Stulli, Šingala- mingala. Usmene propovijetke( Š.-M.- Münd-liche Erzählungen), Verlag Zmanje( Wissen), Zagreb 1983( Biblioteka itd.,Bd. 97), brosch., 234 Seiten.
Die hervorragende kroatische( Volks-) Erzählforscherin Maja Bošković- Stulli( vgl. über ihr bisheriges Wirken M. Matičetov in der Enzyklopädie des Märchens,Bd. II, Lieferung 3/4, Berlin- New York 1979, Sp. 634-636) legt hier 62 aus demVolksmund abgefragte, vielfach auf Tonband genommene Volkserzählungen ausallen kroatischen Dialektgebieten und der zweiten Hälfte unserer sechziger Jahrevor. Sie gibt ihr vom„ Volke“ Geschenktes eben diesem„ Volke“( allerdings aus-drücklich nur seinen Erwachsenen!) als höchst anregendes Kulturgut unserer Zeitzurück. Nicht minder aber bereitet sie es für die vor allem südslawische Volkserzähl-forschung auf, der sie ein Leben lang treu und mit größtem Erfolg gedient hatte. Eshandelt sich um mundartliche Aufzeichnugen, nicht in einer( oft nur schwer les-baren) besonderen Lautschrift wiedergegeben, sondern an Lautliches wie Syntak-
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