Die Rätselprinzessin
Kommentar zur Volkserzählung vom Gifträtsel ATh 851
Von Otto Kahn
Zahlreiche Volkserzählungen aus dem gesamten Europa berich-ten von einer Prinzessin, die nur den Mann heiraten will, der ihr einRätsel aufgeben kann, das sie nicht lösen kann. Viele Berichte sindzusammengeschrumpft bis auf das einfachste Handlungsgerüst. Sieenthalten immer die Hauptsachen: Sie heiratet den Mann, wenn siesein Rätsel nicht lösen kann. Wenn sie aber das Rätsel löst, wird derBewerber unbarmherzig hingerichtet.
Eine moderne Heirat aus Liebe ist hier völlig ausgeschlossen. Siekennt den Mann nicht vorher. Es ist auch jeder zugelassen. Sie kannsich den Mann auch nicht aussuchen, sondern sie muß sich demfügen, der ihr ein unlösbares Rätsel stellen kann. Es ist völlig gleich,wie der Mann aussieht oder aus welcher Familie er stammt oder auswelchem Milieu er herkommt.
Bei dem Manne, der sich bewirbt, kann von persönlicher Liebeebenfalls nicht gesprochen werden. Er kennt sie auch nicht vorher.Es ist ihm nur bekannt, daß sie eine Königstochter ist. Ihr Mannwird später Prinzgemahl und später König. Das ist die hohe Aus-sicht für den Bewerber. Dieser Mann zeichnet sich vor anderen da-durch aus, indem er sich das höchste Ziel setzt. Er strebt nach demhöchsten Posten des Landes und ist keinesfalls mit mittleren odergar untergeordneten Posten zufrieden.
Das wird noch besonders unterstrichen, indem der Mann dabeisogar sein Leben riskiert. Das weiß er in allen Fällen genau undweiß es vorher. Wen diese Gefahr schreckt, der braucht sich nichtzu bewerben.
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