Insgesamt sind es nun schon an die viertausend Seiten mit wohl nicht viel wenigerErzählungen aller Art aus dem altungarischen Raum, welche A. Cammann im Ver-laufe von nicht einmal zehn Jahren vorgelegt hat eine wahrhaft großartige Lei-stung. Eine solche wird auch die Aufarbeitung und Nutzung sein, welche Aufgabeder Autor einer jungen Forschergeneration zuweist.
Olaf Bockhorn
Katalin Horn, Der aktive und der passive Märchenheld.(= Beiträge zurVolkskunde Bd. 5), Basel, Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde, 1983.150 S.
Die Autorin kommt aus der Schule von Max Lüthi, erweist sich jedoch in dieservorliegenden Schrift als eine selbständige und eigenwillige Interpretin. Die Thema-tik ist sehr weitgespannt und so hat die Arbeit in den vielen Mosaiksteinen der klei-nen Details ihre Stärke und im Fehlen eines Schwerpunktes ihre Schwäche.
Der Ansatz ,, Der freie Wille und seine Grenzen“ zeigt gleich die Problematik, wel-che in der Volkserzählung entsteht, wenn man mit dem Maß des normalen Lebensmessen will. Frau Horn hat sich jedoch nicht in dieser Problematik verstrickt, son-dern in kluger Weise der Gefahr entzogen, Charakterisierungsversuche nach Art li-terarischer Analysen zu geben. Ihre Differenzierung einer Vielzahl von Zügen imBild des Helden verliert nicht den Überblick.„ Die Eigenschaften des Helden unddas Thema des Märchens" stellen einen sinnvollen Bezug von Anlage und innererFunktion dar. Daraus läßt sich gut ablesen, welche Möglichkeiten sich in den erzähl-ten Stoffen ergeben können, so daß der II. Teil der Arbeit vor allem eine Exemplifi-zierung der angedeuteten Situationen, Handlungen und Wandlungen bringen kann.Sicher hat die Autorin richtig auf das„ begleitende Tier als Helfer" hingewiesen,doch wird gerade bei diesem Abschnitt ersichtlich, daß wir zu sehr vom europäischenMärchen ausgehen und den„ Helden" zu ausschließlich anthropomorph sehen. Der,, Tierheld" wird damit aus der sonst so breiten Darstellung des Helden ausgeklam-mert, und es fehlt damit eine wichtige und naive Seite innerhalb der Thematik desBuches, zumindest was die„ Aktivität“ betrifft.( Passive Tierhelden gibt es zwar inden Tiermärchen auch, sie sind jedoch relativ seltener als menschliche passive Hel-den.)
Innerhalb der Behandlung des„ passiven Helden" wäre vielleicht ein Verweis aufLegende und Legendenmärchen geeignet gewesen, manche Züge zu erklären. Dochist sonst gerade dieser Abschnitt sehr geschickt akzentuiert und sehr reichhaltig inHinblick auf die wichtigsten Erscheinungsformen. Wichtig ist dabei die Differenzie-rung zwischen der Passivität des Duldens und Erduldens einerseits und dem Mangelan aktivem Einsatz andererseits. Diese letztere Seite zeigt sich besonders klar im Ab-schnitt ,, Der schlafende Held", der sich sozusagen aus dem Abenteuer zurückziehtund ,, nicht einmal als Zuschauer an ihnen teilnimmt". Hier grenzt das Märchen wohlan mythische Bereiche.„ Eine besondere Bedeutung gewinnt der Schlaf in denTraum- Märchen, insofern als in ihm Ereignisse oder Schicksale prophezeit werden,die im Märchen Wirklichkeit werden."
Dazu ist freilich zu sagen, daß hier sich Passivität und Aktivität verbinden können,
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