Volkskundliches im Alten Testament
Von Emil Schneeweis
( Mit 2 Abbildungen)
,, Jakob und die geringelten Stäbe❝
Der verstorbene Direktor des Österreichischen Museums fürVolkskunde in Wien, Leopold Schmidt, pflegte zu Beginn einerseiner Vorlesungen eine auch für seine persönliche Bildung und Be-lesenheit typische Äußerung zu machen, die im folgenden sinnge-mäß wiedergegeben sei:
„ Wenn mich jemand fragt, was er als Lektüre zur Einführung indie Volkskunde wählen solle, dann sage ich ihm:, Lesen Sie Homerund das Alte Testament"!"
Von der Richtigkeit dieser Anleitung konnte ich mich nun inso-fern überzeugen, als ich einerseits als begeisterter Humanist meineHomer- Kenntnisse retrospektiv mit ganz neuen Aspekten berei-chert entdeckte und andererseits, schon mit den Augen des promo-vierten Volkskundlers, an der Katholisch- Theologischen Fakultätden ganzen faszinierenden Reichtum des Alten Bundes an erzähl-kundlichen, religionswissenschaftlichen, ikonographischen undeben rein volkskundlichen Elementen und Motiven zu ahnen be-gann.
Nun freilich ist diese Erkenntnis vom Quellenwert des Alten Te-stamentes für unsere Disziplin nichts Neues; der große englischePolyhistor Sir James Frazer hinterließ uns neben seinem großarti-gen ,, Goldenen Zweig“ auch das Opus„ Folklore in the Old Testa-ment", aus welchem seit etwa zwei Dezennien auch eine repräsen-tative Auswahl in deutscher Sprache vorliegt¹).
Da die von mir ausgewählte Perikope darin nicht aufscheint,möchte ich sie zum Gegenstand dieser kurzen Abhandlung ma-chen; sie enthält einen doch recht frühen Beleg für den Glauben andas sogenannte„ Verschauen“ beziehungsweise für Analogiezau-ber und überdies für die nicht uninteressante Erscheinung, daß mansogar Stellen aus der Heiligen Schrift zuweilen ambivalent
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