Jahrgang 
86 (1983) / N.S. 37
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Volkskundliches im Alten Testament

Von Emil Schneeweis

( Mit 2 Abbildungen)

,, Jakob und die geringelten Stäbe❝

Der verstorbene Direktor des Österreichischen Museums fürVolkskunde in Wien, Leopold Schmidt, pflegte zu Beginn einerseiner Vorlesungen eine auch für seine persönliche Bildung und Be-lesenheit typische Äußerung zu machen, die im folgenden sinnge-mäß wiedergegeben sei:

Wenn mich jemand fragt, was er als Lektüre zur Einführung indie Volkskunde wählen solle, dann sage ich ihm:, Lesen Sie Homerund das Alte Testament"!"

Von der Richtigkeit dieser Anleitung konnte ich mich nun inso-fern überzeugen, als ich einerseits als begeisterter Humanist meineHomer- Kenntnisse retrospektiv mit ganz neuen Aspekten berei-chert entdeckte und andererseits, schon mit den Augen des promo-vierten Volkskundlers, an der Katholisch- Theologischen Fakultätden ganzen faszinierenden Reichtum des Alten Bundes an erzähl-kundlichen, religionswissenschaftlichen, ikonographischen undeben rein volkskundlichen Elementen und Motiven zu ahnen be-gann.

Nun freilich ist diese Erkenntnis vom Quellenwert des Alten Te-stamentes für unsere Disziplin nichts Neues; der große englischePolyhistor Sir James Frazer hinterließ uns neben seinem großarti-gen ,, Goldenen Zweig auch das Opus Folklore in the Old Testa-ment", aus welchem seit etwa zwei Dezennien auch eine repräsen-tative Auswahl in deutscher Sprache vorliegt¹).

Da die von mir ausgewählte Perikope darin nicht aufscheint,möchte ich sie zum Gegenstand dieser kurzen Abhandlung ma-chen; sie enthält einen doch recht frühen Beleg für den Glauben andas sogenannte Verschauen beziehungsweise für Analogiezau-ber und überdies für die nicht uninteressante Erscheinung, daß mansogar Stellen aus der Heiligen Schrift zuweilen ambivalent

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