Erzählende Kurzprosa des geistlichen Barock
Aufriß eines Forschungsprojektes am Beispielder Marienliteratur des 16. bis 18. Jahrhunderts
Wolfgang Brückner
Ad Mariophilum: Praxes colendi Mariam diebus Sabbati...III. Legere libellum pium de vita et virtutibus Mariae.
Aus Wiener Sodalitätsbüchlein des 18. Jhdts.„ Cultus festor-um", 7. Aufl. o. J., S. 9.
Wenn in diesen Tagen der polnische Papst in Österreich seinwird, um der Türkenschlacht des 12. Septembers 1683 zur Entset-zung Wiens zu gedenken, so hat das unmittelbar mit unseremThema zu tun, nämlich mit dessen kulturellen Hintergründen undWeiterwirkungen bis in die politische Gegenwart hinein. Johan-nes Paul II. führt nicht bloß im blauen Wappen unter dem Zei-chen des Kreuzes den Anfangsbuchstaben des Mariennamens, son-dern er hat soeben beim zweiten Polenbesuch erneut die nationaleIdentifikation seines Volkes im Kult der himmlischen Patroninbestärkt und in Tschenstochau von den geschichtlichen Folgen derÜbernahme und des Festhaltens am römischen Christentumgesprochen, mit dem die westliche Kulturprägung verbunden sei.„ Polonia semper fidelis“ heißt die Devise des Siegers JohannSobieski auf dem Kahlenberge in der nach ihm später benanntenKapelle, damals Sakristei der im Bau befindlichen Josefskirche.Vor der Schlacht las hier( oder auf dem Leopoldsberg) der persön-liche Vertraute des Kaisers die Messe, der Kapuzinerpater Marcod'Aviano aus Venedig, der als päpstlicher Legat über Leo-polds I. Zufluchtsort Passau nach Wien gekommen war. Der pol-nische König ministrierte; als Altarbild diente eine Marienikone,die er auf allen Feldzügen mit sich führte.¹)
Spätestens seit dem 19. Jahrhundert wird in der Kahlenberg-kirche eine Kopie der Madonna von Tschenstochau als Gnaden-bild verehrt. 1907 ist eine Kopie des römischen Bildes„ Nomedi Maria"( aus der städtebaulichen Pendantkirche zum Loreto-heiligtum an der Trajanssäule) hinzugetreten: ein Gedächtnis-
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