Jahrgang 
86 (1983) / N.S. 37
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Die Original- Texte gehören zur Frühstufe der estnischen Literatur und sind inHeftchen- Form erschienen. Um 1860 beginnen die estnischen Märchen ihren Laufin diesem schlichten Kleid, das über die Seriosität des Unternehmens hinweg-täuscht. Fast um die gleiche Zeit wie der sizilianische Landarzt Giuseppe Pitrè hatder Stadtarzt Kreutzwald seine Veröffentlichungen im Bereich der Volksliteratureingeleitet, nachdem er schon seit den Jahren kurz vor 1850 Texte und Lieder ge-sammelt hatte. Neben der Arbeit an seinem Epos Kalevipoeg" erweiterte er imJahrzehnt vor 1860 laufend seine Märchen- Sammlung, deren Publikation aberverschiedene Hindernisse erwuchsen, woraus sich die Erscheinungsform in dreiHeftchen( 1860, 1864 und 1865) erklärt.

Erst 1866 konnte in Helsinki der Band Eestirahva Ennemuistesed jutud" er-scheinen, der 43 Märchen und 18 Sagen enthält.

Obwohl Kreutzwald eine Reihe volkskundlicher Abhandlungen selbst in deut-scher Sprache geschrieben hat, wollte er seine Märchen nicht selbst übersetzen,sondern er hat die Übertragung Ferdinand Löwe( 1809-1889) anvertraut. DieMärchen enthalten viele Motive, die uns vertraut sind, wenn auch oft in originel-len Varianten, wie z. B. Der mächtige Krebs und das unersättliche Weib Glossar ::: zum Glossareintrag  Weib" zuKHM 19( Von dem Fischer und seiner Frau) und AT 555, wo ein Krebs als Jen-seitsfigur auftritt und das Ehepaar sich am Schluß im Schweinestall findet.Manche Erzählungen allerdings vor allem Sagenmärchen- zeigen Eigenhei-ten und estnisches Gepräge. So etwa Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand",wo wir einen vermutlich tatarischen Sagenstoff als Ausgangsform erkennen. Wirbegegnen unter anderem auch der Melusinensage in Die Meermaid", wobei mannicht zu sagen vermag, wieweit Kreutzwald auch auf das Volksbuch zurückge-griffen hat; der Stoff war jedenfalls der Westestnischen Tradition nicht unbe-kannt. An den Freischütz erinnert Des Jägers verlorenes Glück, wenn dieestnische Erzählung auch sagenhaft tragisch endet.

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Stärker im Lokalkolorit und echter in der Originalität sind die Ortssagen, dievon Seite 381 bis 404 reichen. Hier wirkt Historisches nach und die Erinnerung anbestimmte Persönlichkeiten.

Der Neuausgabe ist ein kluges Nachwort von Heldur Niit angefügt, das auchdie Beobachtung wiedergibt, wie Kreutzwalds Märchen sich auf dem Umweg überdie deutsche Ausgabe über die Welt verbreitet haben. Niit zitiert aus einem BriefKreutzwalds von 1870: Vielleicht haben Sie schon gehört, welche Verbreitungdie Eestirahva ennemuistesed jutud durch die Löwesche Übersetzung gefundenhaben? Sie sind aus der deutschen Übersetzung ins Französische und Englischeübergegangen, in letzter Version bis nach Amerika gedrungen und werden jetztvon einer Dame ins Russische übersetzt..."

Endlich sei noch dankbar vermerkt, daß zwei Seiten Worterklärungen Begriffeerläutern, die dem landesfremden Leser sonst schwer verständlich blieben.

Felix Karlinger

Ion Nijloveanu, Basme populare româneşti. Bukarest, Editura Minerva,1982. XLIII, 849 S.

Angesichts der großen Anzahl rumänischer Märchen- Veröffentlichungen ist

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