Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde118 (2015) / N.S. 69Mochar, Iris: Von Volksliedgesang, Volkssängern und Volkssängerinnen im Wien der Zwischenkriegszeit

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Von Volksliedgesang, Volkssängern und Volkssängerinnen im Wien der Zwischenkriegszeit : Wandlungsprozesse in einem volkskundlichen und ideologisch motivierten Spannungsfeld
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22 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde LXIX/118, 2015, H eft 1+ 2worden war. In den 1920er und 1930er Jahren hatte dieser Verein großenEinfluss auf die Volksliedpflege, auf das Österreichische Volksliedun-ternehmen sowie allgemein auf die Österreichische Volksliedbewegung.Sein W irken hat die österreichische Volksmusikforschung und-pflegeeinseitig und nachhaltig geprägt.54 Beim zweiten Verein handelt es sichum den»Deutschen Volkslied-Verein in Wien«, ein von ersterem abge-spaltener Verein.55 Die Namen demonstrieren hier unmissverständ-lich das Vereinsprogramm. 1904 wurde auf Anregung Jo sef Pommersschließlich ein eigener Sängerbund»Deutsches Volkslied« gegründet,der 14 Vereine mit ca. 800 Ausübenden vereinte und in dem Frauenim Gegensatz zum»Niederösterreichischen Sängerbund« integriertw a r e n.56Vor dem Hintergrund des im Folgenden skizzierten politisch-öko-nomischen Spannungsfeldes sind die 1920er und 1930er Jahre in Bezugauf eine Verbreitung des Volksgesangs in W ien leichter zu fassen: H in-sichtlich der ökonomischen Strukturen des zu einem»Rumpfstaat«verkleinerten Österreichs, das aus dem zerfallenen Vielvölkerstaat derHabsburgermonarchie hervorgegangen war, nahm die Landwirtschafteine dominierende Rolle ein, und eine Polarisierung zwischen den»Schwarzen Ländern« und dem»Roten W ien« verschärfte sich bis hin zueiner großen Kluft dieser beiden politischen Lager.57 M it Konzepten, dieauf Tradition und Heimat»als emotionales Refugium« zurückgriffen,wurde nach 1918 versucht, eine(nationale) Identität zu propagieren, dieIntegrität, Sicherheit und Homogenität versprach.58 M it der Lancierungdes Volksliedgesangs im Verein lag ein solches volksbildnerisch-kultur-politisches Konzept vor, das auf Basis eines Volkstumsparadigmas eineFestigung der nationalen Einheit versprach.Georg Kotek(18891977), Chormeister des Deutschen Volksgesang-Vereins in W ien von 1924 bis 1977, gefragter Volksliedsolist und jüngst54Iris M ochar-Kircher: D as echte deutsche Volkslied. Jo s e f Pomm er(18451918)Politik und nationale Kultur(=M u sikk o n text, 3). Frankfurt a. M. 2004,S.287345.55Karin Heinisch: D er Deutsche Volkslied-Verein in W ien. Geschichte, Organisation,musikalische Tätigkeiten und Repertoire. Dipl. Arb., W ien 1993.56M ochar-Kircher 2 0 0 4(wie Anm. 54), S. 322326.57Gertrude Pott: Verkannte Größe. Eine Kulturgeschichte der Ersten Republik19 181938. W ien 199 0, S. 36.58Nikitsch 20 10(wie Anm. 49), S. 138.