Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde118 (2015) / N.S. 69Mochar, Iris: Von Volksliedgesang, Volkssängern und Volkssängerinnen im Wien der Zwischenkriegszeit

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Von Volksliedgesang, Volkssängern und Volkssängerinnen im Wien der Zwischenkriegszeit : Wandlungsprozesse in einem volkskundlichen und ideologisch motivierten Spannungsfeld
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20 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde LXIX/118, 2015, H eft 1+ 2gerichtet49 und wurde um mit Konrad Köstlin zu sprechen»alsSpeerspitze der M oderne«50 genutzt.Das aktive, kollektive, im Gegensatz zum Volkssängerwesen nicht-professionelle, also laienhafte Singen von im vorliegenden Fall>deutschen< Volksliedern in W ien erhielt in erster Linie als M ediumdeutschnationaler Identitätsbildung und-politik seine Bedeutung. ImVereinsleben als ideellem Ort der Heimat und erdachten Gemeinschaftspiegelten sich in hohem M aße nationalkulturelle Praktiken, indemauch kulturelle Werte definiert wurden.51 So diente das Volksliedsingenim Verein dazu, Wertvorstellungen festzulegen und weiterzugeben. InÖsterreich und insbesondere in W ien nahm in Bezug auf die Verbreitungkulturpolitischer Ideen rund um ein als echt erachtetes Volkslied die ab1899 erscheinende Musikzeitschrift»Das deutsche Volkslied« eine Vor-reiterrolle ein.52 In diesem ersten deutschsprachigen Publikationsorganfür Volkslied und Volksmusik, herausgegeben vom»Deutschen Volksge-sang-Verein in W ien« unter Jo sef Pommer(18451918), wurden Werte,die das deutsche Volk moralisch und nationalkulturell erneuern sollten,klar gefasst. Ein Volkslied wäre demnach»einfach, schlicht, natürlich,wahr, innig« und würde sich im Begriff der Deutschheit wiederfinden.Es verkörperte für seine Fürsprecher positiv erlebte, national grundierteEigenschaften.53Zw ei W iener Vereine trugen das Singen von Volksliedern auch dezi-diert im Vereinsnamen: Zum einen muss der schon erwähnte»DeutscheVolksgesangs-Verein in Wien« hervorgehoben werden, der 1889 vonJo sef Pommer im deutschnational antisemitischen Umfeld gegründet49Herbert Nikitsch: Heimat in der Stadt. Von Trachtlern, Tänzern und Proletariern.In: W olfgang Kos(Hg.): K am pf um die Stadt. Politik, Kunst und Alltag um 1930.W ien 2 0 10, S. 137143, S. 137. Z u urbaner Heim atkultur vgl. auch: M agdalenaPuchberger: Urbane Heim atkultur als ideologische und soziale Schnittstelle in derErsten Österreichischen Republik. In: Österreichische Zeitschrift für VolkskundeL X V I, 115, 2012, S. 293324.50Köstlin 2 0 0 0(wie Anm. 6), S. 122.51Cornelia Szabo-Knotik: D ie musikalischen Aktivitäten von Vereinen im Zusam -menhang der Heimatbildung im städtischen M ilieu. In: Peter Stachel(Hg.): UrbaneKulturen in Zentraleuropa um 19 0 0(=Studien zur Moderne, 19). W ien 2004,S. 1 1 9145.52Das deutsche Volkslied(wie Anm. 1).53Ebd., 31, 1917, S. 19.