16 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde LXIX/118, 2015, H eft 1+ 2Einzelne Repräsentanten versuchten nun das Wienerlied zuneh-mend»als treue Hüterin des Wienertums«37 zu positionieren. D er H in-weis»Original-Wienerlied« auf Notenblättern diverser Komponisten istsolcherart zu verstehen.Dass der gängige Zeitgeschmack gewisse»musikalische Formeln«»als Zugeständnis an das in der Vorstellung des Publikums existente>Wienerlied<-Bild«38 abverlangte und ein kommerzialisierter, wechsel-seitig funktionaler Zusammenhang zwischen Produktion und Rezeptionweiter seinen L au f nahm, wurde dabei in der Wahrnehmung restaurati-ver Kräfte ausgeblendet.39Insbesondere der Schlager als das industrielle Massenkulturphäno-men schlechthin lief der ortsgebundenen M usik als neue kulturelle Pra-xis nun den R an g ab.40 Lokale Besonderheiten wurden zwar durch die inalle Lebensbereiche hineinwirkende Modernisierung nicht ausgeschlos-sen, in einer sich immer mehr»international normierte[n] Geschmacks-landschaft« mussten sie sich allerdings ihren Platz neu erobern.41Während ein Abgesang der W ienermusik angestimmt wurde undman mit Wehmut beklagte, dass der unbekümmerte, geniale»Leicht-sinn«, die»Unbeschwertheit« und»Frische« einer»chronologischenFreudlosigkeit« und»Ermattung« gewichen sei,42 formierte sich derGedanke, das Genre Wienerlied vor dem Aussterben zu retten. Als Ver-such, das Wienerlied»wiederzubeleben«, kann etwa die 19 21 gegrün-dete»Gesellschaft zur Hebung und Förderung der W iener Volkskunst«37R u d o lf Sieczynski: W ienerlied, W iener W ein, W iener Sprache. W ien 1947, S. 75,zit. in: Weber 2006(wie Anm. 24), S. 321.38M aria Biesold: R udolf Kroneggers Wienerlieder. Ein Beitrag zur Erhellung desW ienerlied-Begriffs. D iss., Berlin 1980, S. 8.39Ebd., S. 7 f. A n Komponisten sind hier Rud olf Kronegger, Franz Paul Fiebrich undLudw ig Gruber, das»Goldene D reigestirn der W iener Volksm usik«, zu nennen, diesehr darauf bedacht waren, sich klar von populären Unterhaltungsform en w ie denGenrekonkurrenten Operette oder Schlager abzugrenzen.40Rom an H orak, Siegfried M attl:>Musik liegt in der L u ft...<. D ie»W eltkultur-hauptstadt« W ien. Eine Konstruktion. In: Rom an Horak, W olfgang Maderthaner,Siegfried M attl(Hg.): Stadt. M asse. Raum. W iener Studien zur Archäologie desPopularen. W ien 2 0 0 1, S. 16 4—239, S. 228.41Ebd., S. 166 f.42[Iron]: Gibt es noch ein W iener Lied? Nicht identifizierter Zeitungsbericht,22.3.1927, zit. in: W eber 2 0 0 6(wie Anm. 24), S. 320.
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde118 (2015) / N.S. 69Mochar, Iris: Von Volksliedgesang, Volkssängern und Volkssängerinnen im Wien der Zwischenkriegszeit
Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde118 (2015) / N.S. 69Mochar, Iris: Von Volksliedgesang, Volkssängern und Volkssängerinnen im Wien der Zwischenkriegszeit
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Von Volksliedgesang, Volkssängern und Volkssängerinnen im Wien der Zwischenkriegszeit : Wandlungsprozesse in einem volkskundlichen und ideologisch motivierten Spannungsfeld
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