Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde118 (2015) / N.S. 69Mochar, Iris: Von Volksliedgesang, Volkssängern und Volkssängerinnen im Wien der Zwischenkriegszeit

  
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Von Volksliedgesang, Volkssängern und Volkssängerinnen im Wien der Zwischenkriegszeit : Wandlungsprozesse in einem volkskundlichen und ideologisch motivierten Spannungsfeld
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Iris Mochar, Von Volksliedgesang, Volkssangern und V olkssangerinnen.den Volkssängern, gab das Lied»Weil I a alter Drahrer bin« über 3000M al vor begeistertem Publikum zum Besten. Zu seinem 40-jährigenBühnenjubiläum 1903 traten laut Zeitungsmeldung mehr als 25.000Menschen den W eg in W eigls Katharinenhalle(Dreherpark) an.15 W ieder Volksschauspieler und-sänger Alexander Girardi(18501918) hatteGuschelbauer enorme Resonanz beim Publikum und traf den Publi-kumsgeschmack breiter Bevölkerungsschichten. Die hohe Popularitätdemonstriert hier die Schwelle zum massenkulturellen Phänomen. BeideVolkssänger wurden als»Inkarnation scheinbar unverfälschten Wiener-tums« gefeiert und durch die verdichtete Verkörperung des Wieners zuKultfiguren.16Die Volkssänger bauten als Interpreten und Interpretinnen des W ie-ner Liedes durch die Verzahnung von Ländlichem, Lokalem und Urba-nem die Positionierung W iens als Weltmusikstadt mit. So betont der bisheute gern zitierte Chronist der Volkssänger Jo sef Koller im Jahr 1931,dass es die Kunst der Volkssänger gewesen sei,»die dem bodenständigen W iener Lied Flügel verlieh, der heimi-schen Volksmusik Anerkennung verschaffte und beitrug, den Zauberwienerischen Idioms aller Welt zu offenbaren«.17Gerade durch die Entwicklung W iens im 19. Jahrhundert hin zur Groß-stadt erhielt die musikalische Unterhaltungskultur der Volkssänger, diegattungsüberschreitende, musikalisch-theatralische Formen mit lokalenBezügen zur Stadt und deren Bewohner herausbildete, spezifische Kon-turenein Blickwinkel, der in der wissenschaftlichen Literatur bis heuteweitgehend ausgeklammert bleibt.Retrospektiv werden Volkssänger, die»weitentrückten Volksbar-den«, die»großen und kleinen M eister des Brettls«, gerne als die betrach-tet,»die dem Volk jene Poesie vermittelten, nach welcher besonders dieuntersten Schichten der Bevölkerung schmachteten!«1815D as»Drahrer«-Jubiläum. In: Fremdenblatt, 1. M ärz 19 0 3, zit. n. Schaller-Pressler2 0 0 4(wie Anm. 13), S. 98.16M aderthaner 2 00 6(wie Anm. 7), S. 209.17Koller 19 3 1(wie Anm. 10), V orw ort S. V II.18Fritz Lange: Zum Geleit. In: Koller 19 3 1(wie Anm. 10); W olfgang M aderthaner:Kultur M acht Geschichte. Studien zur W iener Stadtkultur im 19. und 20. Jahrhun-dert(=P o litica E t Ars, 8). W ien 2005, S. 45.