Weltherrscher eher in den Bereich der Legende gerückt hat. In Rumänien war derStoff früh populär, und zahlreiche Handschriften bezeugen, daß er in sehr unter-schiedlichen Varianten im Umlauf gewesen ist.
Eine der interessantesten Fassungen hat nun Duţu, der sich als Historiker undVolkskundler einen Namen gemacht hat, herausgebracht. Wichtig ist diese Ausgabevor allem auch durch ihr reichhaltiges Bildmaterial, dessen farbige Reproduktion aufzum Teil zweiseitigen Abbildungen technisch gut gelungen ist. Diese Bilder aus dem18. Jahrhundert zeigen nicht nur einen rustikalen, der Volkskunde nahestehendenStil, sondern sie bringen auch eine Reihe der wunderbaren Züge und Motive derAlexandria zur Darstellung, wie etwa den Kampf der Makedonier mit den Riesen-ameisen, die Menschengröße erreichen, und den noch gewaltigeren Riesenkrebsen.( Interessant dabei ist, daß die Ameisenungeheuer menschliche Gesichtszügetragen.) Daneben stoßen wir auf nackte Waldmenschen, auf mythische Gestalten,Ungeheuer und Monstren unterschiedlichsten Aussehens, doch läßt uns der Zeich-ner auch einen Blick ins Jenseits tun, da Alexander ja bis vor die Tore des Paradiesesgelangt. Die abenteuerlichen Reisen des großen Kaisers, die schon das Mittelalterhindurch die Phantasie der europäischen Kunst beschäftigt haben, insbesondereauch mit der Darstellung der Fahrt in einem gläsernen Unterseeboot zum Meeres-grund oder in einem von Greiffen getragenen Korb in die Lüfte, hat in dieser volks-tümlich- schlichten Bilderserie aus rumänischer Hand einen letzten Widerhall ge-
funden.
Duţu hat dazu eine kenntnisreiche und umfassende Einleitung vorausgestellt, dieauch über die Funktion dieser Volksbuchfassung informiert. Auf fast 40 Seitenzeichnet Duţu sowohl die Geschichte des Stoffes in Südosteuropa allgemein, wie dasZustandekommen dieser illustrierten Ausgabe von Negrule im speziellen, nebstreichhaltigen Anmerkungen und Adnoten.
Es wäre sehr zu wünschen, daß dieses Buch, dem ein vierseitiges Resümee in fran-zösischer Sprache beigegeben ist, auch auf Deutsch veröffentlicht werden könnte,denn es eröffnet einen weiten Blick sowohl in die Popularisierung literarischerKomplexe wie auch in die volkstümliche Buchillustration des Südostens. Darüberhinaus macht es verständlich, wie hier aus dem Volksbuchbereich einzelne Episodenin die mündliche Überlieferung zurückvermittelt werden konnten, lebten doch dierumänischen Volksbücher vor allem im Vorgelesen- Werden.
Felix Karlinger
Claude Lecouteux, Kleine Texte zur Alexandersage. Mit einem Anhang:Prestre Jehan(= Göppinger Arbeiten zur Germanistik, Nr. 388), Kümmerle-Verlag, Göppingen, 1984. 103 Seiten.
Der Autor hat bereits eine Reihe sagen- und märchenhafter Motive und Stoffe desMittelalters untersucht, wie die Melusine, über die seinerzeit hier berichtet wordenist. Das vorliegende Büchlein analysiert einige Motive und Elemente aus demKomplex des Alexanderromans. In„ Alexander und die Wundersteine" deutetLecouteux zunächst die verschiedenen zauberhaften Wirkungen, welche Steine aus-lösen können( Der erotische Stein, Der die Tiere zum Schweigen bringende Stein,Der zauberabwehrende Stein, Der Apolokos), ein Kapitel, dem der Autor früherbereits eine Studie über die Funktion von Steinen im Mittelalter gewidmet hat.
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