Jahrgang 
87 (1984) / N.S. 38
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Irma Hildebrandt, Es waren ihrer Fünf. Die Brüder Grimm und ihre Familie.Köln, Eugen Diederichs, 1984. 142 Seiten, ca. 30 Abb.( Diederichs Kabinett).Die Brüder Grimm, weltweit bekannt als Herausgeber der Kinder- und Haus-märchen, sind zu einem Begriff geworden, der bereits zu einem Abstraktum ver-flacht scheint. Sie sind herausgerückt, enthoben, verblassen hinter ihrem Werk-nicht für den Volkskundler vielleicht, aber sicher für viele andere. Irma Hildebrandt,gebürtige Schweizerin, versucht nun, den Kontext dieses Brüderpaares aufzuzeigen,indem sie die äußeren Lebensumstände der Familie Grimm, aber auch die politi-schen und geistigen Strömungen im Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts dar-stellt. Es ist der Mikrokosmos, die Beengtheit der deutschen Kleinstädte, in dem dieGeschwister- fünf Brüder und eine Schwester- aufwachsen und die sie für ihr gan-zes Leben prägt. Nach dem frühen Tod des Vaters müssen sie sich an karge materiel-le Lebensumstände gewöhnen; die beiden Älteren, Wilhelm und Jacob, stehen beidiesen Bedingungen gleichsam unter Erfolgszwang, als sie durch die großmütigeUnterstützung einer Tante das Gymnasium, später die Universität besuchen kön-nen. Dazu kommt auch noch die Verantwortung für die jüngeren Geschwister, vorallem nachdem auch die Mutter verstorben ist. Zu diesen familiären Bedingungentritt die Situation Deutschlands zur Zeit Napoleons hinzu. Es ist dies eine Zeit desNationalismus, des aufstrebenden Bürgertums und auch der romantischen Rückbe-sinnung auf die Vergangenheit. Aber es ist auch eine unsichere Zeit des Umbruchs,der Kriege und Besetzungen, die den Escapismus in eine friedlichere, phantasie-vollere Welt fördert. Das drückende jener Zeit zu überwinden half denn auch derEifer, womit die altdeutschen Studien getrieben wurden."( Wilhelm Grimm,S. 123.) Märchensammlungen sind nicht nur die Aufarbeitung der eigenen Ge-schichte, der eigenen Quellen, sondern auch eine Flucht aus der Bedrängnis einerunerfreulichen Realität. Starke wechselseitige Beziehungen zum Kreis um Brenta-no, Arnim, Görres und Savigny fördern das Interesse an der mündlichen Überliefe-rung von Lied, Märchen und Spruch.( Vgl. auch Günther Grass, Der Butt. Kapitel:Die andere Wahrheit, S.352-361). Daneben ist es der Stolz auf das, Deutschtum",der sich zu dieser Zeit entwickelt und der auch zur Herausgabe des Deutschen Wör-terbuches führt, jener großen Leistung, die durch die soeben erschienene Neuaufla-ge gewürdigt wird. Deutsche geliebte Landsleute", schrieb Jacob Grimm in seinerVorrede, welches Reichs, welches Glaubens ihr seiet, tretet ein in die euch allenaufgethane Halle eurer angestammten, uralten Sprache, lernet und heiliget sie undhaltet an ihr, eure Volkskraft und Dauer hänget an ihr..( S. 127).

Das Aufrechterhalten der engen Familienbindung, das starke Nationalbewußtseinsowie die bürgerlichen Tugenden Fleiß und Ordnung sind die Konstanten im Lebenvor allem von Jacob und Wilhelm Grimm, die sowohl ihr wissenschaftliches Werk alsauch ihr Privatleben beeinflußten und gestalteten. Irma Hildebrandts Buch ist sicherein lesenswerter Beitrag zum kommenden Grimm- Gedenkjahr 1985/86, ein wichti-ger Beitrag zudem im Sinne der biographisch ausgerichteten Wissenschaftsgeschich-te als Beweis für den Einfluß der Lebensumstände und Zeitströmungen auf jedeswissenschaftliche Werk. Die vielen Abbildungen sind zum großen Teil aus ,, Die Brü-der Grimm in Bildern ihrer Zeit von Ludwig Denecke und Karl Schulte- Keming-hausen( Kassel, Erich Röth Verlag, 1980) entnommen und tragen nicht unwesentlichzur Verlebendigung dieser Familiengeschichte bei.

Eva Kausel

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