Walter D. Kamphoefner, Westfalen in der Neuen Welt. Eine Sozialgeschich-te der Auswanderung im 19. Jahrhundert(= Beiträge zur Volkskultur in Nord-westdeutschland, Hg. Volkskdl. Kommission für Westfalen, LandschaftsverbandWestfalen- Lippe, Heft 26). Münster, F. Coppenrath Verlag, 1982, 221 Seiten und20 Abbildungen.
Familiäre Betroffenheit stellt den Beweggrund des Autors für seine Beschäftigungmit der Thematik der Migration nach Übersee dar: Sein Ururgroßvater, im Jahre1818 in Buer bei Melle als Sohn eines Heuermanns geboren, wanderte 1844 als Land-arbeiter nach Missouri aus, siedelte in der Nähe von Neu- Melle und erwarb mit derZeit einen bedeutenden Besitz. Durch die spätere Verheiratung mit einer Frau ausseinem Heimatdorf scheint dieser Vorfahre genau in die Aussage des Werkes zu pas-sen, dessen„,... Absicht doppeldeutig ist: Zunächst geht es um eine Gruppe vonWestfalen, die in die Neue Welt auswanderte. Ein Hauptziel war jedoch, den sozia-len Kontext der Aus- bzw. Einwanderung aufzuhellen. Die Untersuchung hat vor al-lem gezeigt, daß soziale Bindungen, die aus der Herkunftsregion hervorgingen, einewesentliche Rolle in der Gestaltung der Einwandererleben gespielt habenAuswanderung alles andere als Entwurzelung bedeutete"( S. VII).
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Kleinregional als saisonale Mobilität, weiträumiger als binnenstaatliche Wande-rung etwa Land- Stadt-, kontinentale( beispielsweise in die preußischen Ostpro-vinzen) und letztlich als internationale Migration nach Übersee: Ihr Erscheinungs-bild ist von verschiedensten Blickwinkeln aus behandelt worden, von einer histori-schen, ökonomischen, religiösen, politischen Sicht etwa, doch„ ist kein Zweifel, daßdie Adoptivheimat der sich vorkämpfenden Soziologie die Vereinigten Staatenwurde und daß ihr hauptsächlicher Stimulus das Immigrantenproblem gewesen ist"( Frank Thistlethwaite 1960). Neuerdings schlagen schwedische Forscher, die sich ineiner für unsere Verhältnisse unvorstellbaren Anzahl von über 30 Wissenschaftermit Emigration und Remigration beschäftigen, ein interdisziplinäres Modell vor,dessen Schwerpunkt auf der Sozialpsychologie liegt.
Die vorliegende Studie, die eine erweiterte Version einer 1978 in Missouri abge-schlossenen Doktorarbeit darstellt, wurde ohne derartige skandinavische For-schungsschemata konzipiert, spricht aber viele ähnliche Fragen an. Auf der europäi-schen Seite konzentriert sich der Verfasser- sein großer Vorteil ist, daß er dieeuropäische Literatur der Migrationsforschung ähnlich gut zu kennen scheint wiejene Fülle von Publikationen über deutsche Immigration aus amerikanischer Sichtauf den Nordwesten Deutschlands mit Schwerpunkt auf die Region zwischenWesterkappeln und Halle; hier ist eine kulturelle Verwandtschaft etwa in Hinsichtauf Dialekt, Erbschaftssitten, feudales Erbe und Formen der Landwirtschafterkennbar. Auf der amerikanischen Seite richten sich die Nachforschungen auf einvon eben diesen Auswanderern besiedeltes Gebiet in den Counties St. Charles undWarren in Missouri. Die Integration beider Teile erfolgte durch Rückverfolgung derSpuren von mehr als hundert Familien von ihrer alten in ihre neue Heimat, wobeieine Vielzahl von Familienchroniken die abstrakten Informationen der Volks-zählungen verlebendigen half. Doch die in Zukunft sicherlich am geeignetestenEDV- unterstützte Bearbeitung von Einwandererlisten, die im vorliegenden Fall füreinige Jahrzehnte vollständig erfaßt wurden, ermöglichten nicht nur Aussagen überAltersstruktur, Geschlechterverhältnis und Familienstand zu machen, sondern auchüber Landbesitz, Vermögensverteilung und Beschäftigungskategorie, wodurch
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