Jahrgang 
87 (1984) / N.S. 38
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Arbeitstagung zu ,, Problemen der Oral History" im Institut fürWissenschaft und Kunst in Wien( 2. und 3. November 1984)

Am 2. und 3. November fand im Wiener Institut für Wissenschaft und Kunst eineArbeitstagung zu, Problemen der Oral History" statt. Die Koordination besorgtenErna Appelt, Hans Safrian und Reinhard Sieder.

Oral History und Geschichte von unten sind heute weithin bekannte Schlag-worte. In der Wissenschaft gilt die individuelle Lebens- und Geschichtserfahrungeinzelner Menschen vielfach bereits als seriöse Quelle für das Geschichts- und Ge-sellschaftsbild. Allerdings ist es für eine zusammenhängende Geschichtsschreibungvon unten noch zu früh.

Die genannte Arbeitstagung hatte zwei Schwerpunkte: Zum einen beschäftigte siesich mit den Interviews selbst( z. B.: Welche Arten von Interviews werden prakti-ziert? Interaktionsprobleme im Interview! Welche Folgen hat der jeweilige Inter-viewstil für die Gesprächspartner, welche für das Ergebnis"? Wie gehen ,, oral histo-rians mit Interviewtext um?), zum anderen diskutierte sie die Frage, ob eine zentra-le Evidenzstelle für Oral History Interviews in Österreich eingerichtet werden bzw.wie ein, Datentransfer" zwischen den Forschern organisiert werden solle.

Ausländische Literatur zum Thema ist vielfach nach wie vor schwer greifbar inÖsterreich.( Auch diesem Mangel will eine zukünftige Forschungs- und Dokumenta-tionsstelle abhelfen.) Einer der wichtigsten ausländischen Experten ist Ron Grele,der Herausgeber des, International Journal of Oral History". Er macht u. a. spezielldarauf aufmerksam, daß die Historiker zwar die dokumentarische Bedeutung der In-terviews betonen, sich aber noch nicht- oder zumindest nicht genügend- bemühthätten, die Bewußtseinsstruktur, die den Oral- History- Interviews zugrunde liegtund sie beherrscht, zu begreifen und zu analysieren. Diese Einsicht jedoch hilft uns,die Interviews als historische Erzählungen zu verstehen.

Solche Analysen sollen ebenso Gegenstand des geplanten Interview- Workshopssein wie Fragen der Interviewtechnik, Methodenprobleme u. ä.

Zur Einrichtung einer Dokumentations- und Forschungsstelle Oral History imInstitut für Wissenschaft und Kunst legte Reinhard Sieder ein Papier vor, das imwesentlichen volle Zustimmung fand. Ziel dieser Einrichtung, die sich auch als, Ser-vicestelle" verstanden wissen will, ist die fortlaufende Dokumentation von Oral-History- Forschungen( wie Fragestellungen, Methoden, Interviews und Forschungs-ergebnisse) sowie die systematische Erschließung des Quellenmaterials nach thema-tischen Bereichen durch Beschlagwortung, die dann computergespeichert werdensollen und damit jederzeit abrufbar sind.

Sollte die Realisierung des Projekts möglich sein( was vom Budget abhängt), wäreder erste Schritt die Erstellung des Index zu den Aufnahmen der Interviewer. Da dieWeitergabe von Namen von Gewährspersonen sowie von Interviewmaterial nocheine Reihe von ethischen und Datenschutzproblemen aufwirft, übernimmt die Do-kumentationsstelle hier vorerst nur eine Vermittlerrolle( und verweist an den Inter-viewer). Was zur Verfügung steht, wird aus dem Index, der EDV- gespeichert und inAbständen ausgedruckt und verschickt werden soll, hervorgehen. Ein Fernziel istdie Archivierung von Tonmaterial einerseits und die Transkription der Aufnahmenanderseits.

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