Jahrgang 
87 (1984) / N.S. 38
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Zur Ausstellung Waschtag" im Déri- Museum, Debrecen,

vom 24. Juni bis 31. Oktober 1984

Es scheint jeglicher Tradition zu widersprechen, heute an einem Sonntag ansWaschen, an die große Wäsche zu denken, wie das in Ungarn gesagt wird, bzw. vomWaschtag zu reden, wie man das in Österreich bezeichnet. Gewaschen wird inEuropa prinzipiell an einem der Wochentage. Aus einer imaginären kulturhistori-schen Chronik über das Leben amerikanischer Großstädte würde man jedoch erfah-ren, daß in den meisten großstädtischen Haushalten der Neuen Welt der Sonntag-vormittag als Waschzeit gilt und daß das Waschen mit Hilfe von Waschautomaten inden Kellern der Wohnhäuser erfolgt.

Die jetzige Ausstellung will das Publikum jedoch in erster Linie mit der euro-päischen Tradition bekanntmachen.

Die Organisatoren nahmen als Selbstverständlichkeit an, daß früher in den mei-sten Bauernhaushalten, aber auch in den Schlössern, Herrenhäusern und in denWohnungen reicher Bürger an einem eigens für diesen Zweck vorgesehenen Werk-tag Wäsche gewaschen wurde. In den letztgenannten großen Haushalten war für dasWaschen das Personal bzw. dafür angestellte Waschfrauen verantwortlich; jedersieht diese Arbeit als unverzichtbar an, trotzdem wäscht man nur ungern mit eigenerHand. Daraus können wiederum zwei Schlußfolgerungen gezogen werden. Erstens,daß die große Wäsche niemals zu den Aufgaben der Männer gehörte, und zweitens,daß sie zwar von berufsmäßigen, nie aber von gewerblich tätigen Arbeitskräften ver-richtet wurde. Die Tätigkeit des Waschens vermochte niemals die Grenzen derHaushaltsarbeit zu überwinden, sie prägte die nachteilige Rechtslage der Frauen mitund verblieb innerhalb der Rahmen ihrer historischen Schranken.

Man kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behaupten, daß derBeruf der Waschfrauen in der Zeit zwischen der Mechanisierung des Waschprozes-ses und der Vorherrschaft einer mittelalterlich geprägten Lebensweise der Stadtbe-wohner entstand, in einer Zeit, da die meisten Großstädte innerhalb weniger Gene-rationen zu großen Ballungsstätten anschwollen. Nicht nur der Beruf selbst, sondernall die Institutionen und Ball- sowie Massenlieder, die für die Kulturgeschichte alsMerkmale dieses eigenartigen Prozesses der beruflichen Umschichtung in Betrachtkommen, datieren ebenfalls aus dieser Zeit.

Wie bekannt, wurde die Figur der Wasch- und Plättfrau in vielen Ländern zumSymbol; Daumier, Picasso und Attila József maßen ihr einen Symbolwert bei, wobeies durchaus nicht auszuschließen ist, daß bereits in der Zeit davor zahlreiche Zeichenund Zeichensysteme die geselligen Beziehungen der Menschen durchdrangen undheutzutage geeignet sind, über die Verhältnisse der Zeiten vor der industriellen Zivi-lisation zu informieren. Klopfhölzer und Mangeln etwa waren häufig neben ihremGebrauchswert auch reichlich mit Schnitzereien verzierte Liebesgeschenke, zumSymbol veredelte Requisiten eines künftigen Haushaltes. Viele von diesen Gegen-ständen wurden später nicht benutzt oder, obwohl zur Anwendung gelangt, wurdensie nicht entsprechend ihrer ursprünglichen Bestimmung verwendet. Es kam vor,daẞ trunksüchtigen Ehemännern oder Frauen, die das Essen anbrennen ließen, mit-tels dieser Gegenstände eine Tracht Prügel verabreicht wurde. Das sind natürlichnur winzige Inseln im großen Meer des Lebens; ihre Substanz unterscheidet sich vonder der Gegenstände, die das Gros dieser Ausstellung ausmachen.

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