Jahrgang 
87 (1984) / N.S. 38
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Das Nikolausspiel der PragserÜberlegungen zu Tradieren und Tradition

Von Hans Schuhladen

I.

4. Dezember 1982, abends. Wir sitzen im Gastzimmer einer Pen-sion in Prags Untergasse. Wir, das sind Lian und Klaus, ein Ehe-paar aus Germering, Frau Herlinde Menardi, eine InnsbruckerKollegin, und ich. Vor dem Haus parken nur unsere beiden Autos.Die Nachbarpension ist geschlossen. Um diese Jahreszeit nämlichverweilen kaum Touristen im Pragser Tal südlich von Welsberg imHochpustertal. Morgen soll hier in dieser Pension zum ersten Malseit zehn Jahren wieder das alte Nikolausspiel aufgeführt werden.Ebenso in der Pension nebenan, die deswegen aufmachen wird.Wir wollen noch zusammensitzen, erzählen, dabei auch über dasSpiel reden, nachdem Lian und Klaus ihre Kinder schon zu Bett ge-bracht haben, und Herlinde und ich von ersten Befragungen an die-sem Tag zurück sind. Während unserer Unterhaltung treten nachund nach mehrere junge Männer ein. Sie nehmen an den zwei Ti-schen im Rücken von Herlinde und mir, von uns nicht weiter beach-tet, Platz. Im Laufe des Gesprächs ziehe ich, um eine Szene desSpiels zu charakterisieren, auch den Spieltext aus meiner Mappe.Bald darauf kommt einer der Burschen und bittet, ob er das Manu-skript einsehen dürfe. Ich schiebe es ihm arglos zu. Hinter uns stei-gert sich das anfängliche Gemurmel zu überraschten Ausrufen, alsdie Burschen erkennen, daß sie ihren Spieltext vor sich haben, undzwar vollständig. Ihre ungeduldige Frage: Wie kommen dieseFremden zu unserem Text? Was fangen sie mit ihm an? Herlindeund ich, wir wenden uns ihnen zu, versuchen ihnen nahezubringen,daß wir das Spiel genauer kennenlernen wollten, nachdem wir

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