Jahrgang 
87 (1984) / N.S. 38
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meer vielleicht am längsten in Osteuropa und dauerte hier wohl noch im ersten Drit-tel des 20. Jahrhunderts an."( S. 196.)

Levin untersucht jedoch auch die Frage, was am Märchenrepertoire dieses Rau-mes als, russisch" zu betrachten sei; er sieht das im Fehlen von Zugtieren und imReisen zu Fuß oder zu Schiff, wobei die großen nordrussischen Seen- Ladoga, One-ga, Ilmen- und die großen Ströme von auslösender Bedeutung sind. Weiter betonter, daß die Terminologie der Fischerei und des Schiffsbaus bei den Zuhörern als ge-läufig vorausgesetzt werde, daß der Reisende stets Pfade durch Wald und Moor fin-den müsse und nur selten Menschen begegne. Weitere landschaftliche Eigenheitensieht er im Betonen eines mongolischen Einschlags in Untertänigkeitsbezeugungenund Höflichkeitsfloskeln.

Der Herausgeber durchleuchtet weiter den Hintergrund seiner Geschichten unddeutet das Aberwissen", das in so vielen unheimlichen und schauerlichen Erzählun-gen anklingt; ebenso berichtet er ausführlich über die Editionsgeschichte.

Die Texte selbst sind ausgezeichnet übertragen und in keiner Weise frisiert odernivelliert, so daß der drastische Charakter und die mitunter derbe Sprache erhaltenbleiben. Die 26 Märchen bieten ein breites Spektrum an Motiven und Sinnzusam-menhängen. Einzelnes davon ist uns vertraut, das meiste jedoch bietet in der vorlie-genden Gestalt Überraschungen. So begegnet etwa ein Pope, der sonst meist nur alsSchwankfigur herhalten muß, auch als Held, und wenn auch mit fremder Hilfe kanner doch drei von einem Unhold entführte Frauen befreien. Das Märchen endet:,, Geh nun nach Hause und diene. Bete dort zu Gott wie früher und vertraue nichtauf deine Kraft im Kampf." Und der Pope ging heim, nahm auch die drei Frauenmit... die eine ließ er dem Berghelden da, die andere dem Tannenhelden und diedritte Frau dem Wunzhelden. So kam er nach Hause und lebte dort, vermehrte seinHab und Gut, wich dem Bösen aus und so lebt er jetzt noch."

Gerade in Ergänzung zu den bisherigen Übersetzungen osteuropäischer Volkslite-ratur und zu ihrem besseren Verständnis ist das vorliegende Buch von eminenterWichtigkeit.Felix Karlinger

Alexander Schöppner, Bayerische Legenden. Hg. v. Emmi Böck. Regens-burg, F. Pustet, 1984. 309 Seiten, Abb.

Emmi Böck, bekannt als Sammlerin der bayerischen Sage und Herausgeberinmehrerer Werke zu diesem Themenkreis( Sagen aus Hallertau; Sagen und Legendenaus Ingolstadt und Umgebung; Sagen aus Niederbayern; Regensburger Stadtsagen,Legenden und Mirakel) hat es unternommen, die Legenden aus Alexander Schöpp-ners ,, Sagenbuch der bayerischen Lande. Aus dem Munde des Volkes, der Chronikund der Dichter( München 1874) herauszuziehen, zu ordnen und in vorliegendemBand herauszugeben. Vorangestellt wurde eine Biographie Schöppners, der 1820 alsJohannes Schöppner geboren wurde und den Ordensnamen Alexander bei seinemEintritt in das Augustinerkloster Münnerstadt erhielt. Nach seinem Austritt aus demKloster( 1847) war er als Lehrer tätig und faẞte schließlich den Plan, Bayerns Sagenzu sammeln und systematisch zu verarbeiten. Immer wieder nahm er Urlaub, um anseinem Vorhaben zu arbeiten, doch erfaßte ihn bereits 1853 eine schwere Krankheit,von der er sich bis zu seinem frühen Tod( 1860) nicht mehr erholte und die ihn an

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