geordnetes Verzeichnis der Liedanfänge sowie ein Personen-, Orts- und Sachregisterbeigegeben worden wäre.
Klaus Beitl
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Isidor Levin, Zarensohn am Feuerfluß Russische Märchen von derWeißmeerküste.( Aus dem Russischen übersetzt von Gisela Schenkowitz.)Kassel, Erich Röth- Verlag 1984. 218 S.
Man wird zunächst denken, das gute Dutzend deutscher Ausgaben russischerMärchen könne genügen, aber einerseits ist dabei der Bereich der Weiẞmeerküstefast nicht vertreten, andererseits erweisen sich diese Texte von einer besonderenOriginalität. Der Herausgeber, bekannt als bester lebender Kenner des osteuropäi-schen Volkserzählgutes, hat nicht nur klug und bedacht seine Auswahl getroffen,sondern er hat ihr auch ein sehr informatives Nachwort beigegeben. Der besondereWert dieser Einführung liegt in der Darstellung der volkskulturellen Geschichte desRaumes, aus dem die Erzählungen stammen. Levin gibt keine abstrakte Aufzählunghistorischer Fakten, sondern er hat stets den unmittelbaren Bezug zu seinen Mär-chen im Auge.„ Dieses Solowezki- Kloster zeigte sich aus der Ferne mit mächtigemGebäude und glänzte bei Tageslicht mit leuchtend farbigen Dächern und Türmenbis in das 20. Jahrhundert hinein. Wohl so stellten sich die Märchenhörer auf derKuola die Residenz eines überseeischen Zaren vor!"( S. 187.)
So etwa werden Land und Bewohner geschildert und mit ihren Geschichten ver-bunden. Und der Herausgeber akzentuiert dabei die religiöse Situation, die auch inden Märchen vielfach anklingt. Das nikonianische Schisma und die Entfremdungvon Volk und Kirche kommen ebenso zur Sprache wie die Frage des unmittelbarenKontaktes der Bevölkerung mit den Klöstern, aus deren Legendenschatz so manchesin den Bereich der Volkserzählung übergeflossen ist.
Viele Männer von der Weißmeerküste pflegten, um den Unterhalt zu verdienen- man bedenke, daß selbst Brot eingeführt werden mußte- oder aus Langeweile,manchmal wegen eines Gelübdes oder aus Gottgefälligkeit, in den Klosterdienst zugehen, für einen Winter oder mehrere. Diese, Gastknechte' bekamen hier von denMönchen auch geistliche Nahrung. Die Namen dieser freiwilligen, es waren meistensLeute von der Weißmeerküste, Russen und Finnen, wurden ins Synodikbuch einge-tragen. Für das Heil ihrer Seelen wurde gebetet. Vor etwa einem Jahrhundert stan-den bereits viertausend Männer auf der Liste! Durchschnittlich gab es ständig etwafünfhundert Gastknechte unter den Brüdern des Klosters."( S. 195.)
Levin führt dabei näher aus, welcherlei Geschichten diese„, Klosterleute auf Zeit"gehört haben dürften und wie sie vieles davon dann weiter verbreitet haben.
Es geht dem Autor aber nicht nur um das Kloster als Umschlagplatz für Neuigkei-ten, sondern er betont auch:„ Dies genügt, um einzusehen, wie stark die Mobilitätder einheimischen Bevölkerung... und wie aktiv der Einfluß von Gelesenem unddie mündliche Migration von Erzählstoffen hier sein mußte!... In der Pflege desMärchengutes, in der Akklimatisation der entlehnten Stoffe, im Erzählen also wurdeim Russischen ein sehr hohes Niveau erreicht, das der orientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag orientalischen Wortkunstnichts, es sei denn die Urheberschaft, nachgibt. Und gerade kraft dieser ausgezeich-neten Qualität wurden just die Märchen aus dem Russischen weit und breit unterden Nachbarn beliebt. Die Blüte russischer Märchenkunst währte gerade am Weißẞ-
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