Die Schlußfolgerung meines Buches war, daß bis zur Mitte des 20. Jahrhundertsdie Grundlage der juristischen Bildung und Praxis des Volkes nicht das positiveRecht, sondern vielmehr die auf Tradition beruhenden juristischen Volksbräuchegewesen sein dürften. Oben herrschten also die Gesetze, unten aber eine vom Staatnicht anerkannte Gruppe von Normen, die juristischen Volksbräuche, obwohl siein enger Wechselwirkung miteinander standen.
Schließlich untersuche ich in einem Kapitel, ob in den neuen Zeiten, im Sozialis-mus noch juristische Volksbräuche möglich sind. Ich kam zu der Folgerung, daß diesnicht ausgeschlossen ist, ja daß auf dem Lande die alten Familientraditionen fast un-verändert weiterleben. Im Stadtleben hat der Mangel an Handelsartikeln, der Man-gel und die schlechte Qualität der Leistungen zahlreiche juristische Bräuche entwik-kelt( zum Beispiel Schmiergeld, Trinkgeld, Dankegeld usw.), die von der Bevölke-rung außer dem Preis und dem Tarif von Waren und Leistungen gezahlt werden müs-sen, wenn sie überhaupt auf eine mittelmäßige Leistung rechnen will. TraditionelleVarianten subkultureller juristischer Elemente kommen aber noch im Leben der un-garischen Zigeuner Glossar ::: zum Glossareintrag Zigeuner vor; sie unterhalten eigene Gerichte und Blutrache, Frauenkaufusw. kommt noch häufig unter ihnen vor. Während die dörflichen Gebräuche in ih-rer modernisierten Form auf Gegenseitigkeit beruhen, also positiven Wert haben,müssen die im städtischen Leben und in den Subkulturen einheimischen Bräuche ne-gativ, als gesellschaftliche Verzerrungen gewertet werden, da sie größtenteils derUngleichheit der Partner zu verdanken sind, ihre Motivation aber das Bestreben ist,sich ohne besondere Arbeit eine Mehreinnahme zu verschaffen. Ernö TárkánySzücs."
( Abgedruckt aus: Österreichische Richterzeitung, Heft 5/1984, S. 135-136.)
Klaus Beitl
Melanie Wissor †
Mittwoch, den 12. September 1984, verstarb Melanie Wissor in Mödling. Am11. November 1896 in Wien geboren, bemühte sie sich schon während ihrer langenTätigkeit als Lehrerin und später Direktorin der Volksschule Babenbergergasse inMödling, Volks- und Heimatkunde in den Unterricht zu integrieren und das Interes-se der Kinder an ihrer Umwelt, das Verständnis für Tradition zu erwecken und zufördern. Seit 1951 war sie Vorstandsmitglied des Bezirksmuseumsvereins, und ihrgroßes Verdienst bleibt die Gründung der volkskundlichen Abteilung im Museumder Stadt Mödling'). Daneben arbeitete sie auch in der Arbeitsgemeinschaft derLehrer und im Niederösterreichischen Bildungs- und Heimatwerk mit, verfaßtezahlreiche Artikel für verschiedene Lokalzeitungen, für das Heimatbuch des Bezir-kes Mödling und auch für die Österreichische Zeitschrift für Volkskunde. Vor allemdas Wallfahrtswesen stand gerade in den letzten Jahren im Mittelpunkt des wissen-schaftlichen Interesses Melanie Wissors, die mit Akribie und Fleiß auch die Sich-
¹) Gudrun Foelsche hat in der vorangegangenen Nummer der ÖZV( XXXVIII/ 87,1984, S 141–142) über die Eröffnung des nach Melanie Wissor benannten Volkskun-demuseums als Abteilung des Bezirksmuseums Mödling berichtet.
215