Jahrgang 
87 (1984) / N.S. 38
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Erweiterung des Gegenstands- und Forschungsbereichs der Volkskunde. Sein Kon-zept einer historischen Betrachtungsweise zielte auf die konsequente Einbeziehungvolkskundlicher Proletariats- und Gegenwartsforschung. Volkskultur auf Rügen",,, Alte Bauten im neuen Dorf, Wohnweise und Wohnkultur in den Dörfern nach1945, Lebensweise brandenburgischer Ziegeleiarbeiter" sind einige jener The-men, die neben solchen zum künstlerischen Volksschaffen der Gegenwart und zurQuellenaufbereitung für die Arbeiterkulturforschung- von Paul Nedo initiiert undgeleitet wurden.

1961 wechselte Paul Nedo hauptamtlich zur Universität Leipzig über. DerHabilitation im Jahr 1963 folgte 1964 seine Berufung an die Humboldt- Universitätzu Berlin als Professor für deutsche und westslawische Volkskunde.

Seine Forschungs- und Publikationstätigkeit konzentrierte sich auf die Erschlie-Bung der sorbischen volkskulturellen Traditionen, worüber u. a. die folgenden TitelAuskunft geben: Sorbische Volkstrachten", Sorbische Volksmärchen, Sorbi-sche Volksschwänke, Einführung in die sorbische Volksdichtung, SorbischeVolkskunst u. a. Wissenschaftliche Verdienste erwarb er sich mit der Gründungeines interdisziplinär offenen Arbeitskreises 19./20. Jahrhundert, aus dessen an-regender Tätigkeit u. a. die internationale Tagung Probleme und Methoden volks-kundlicher Gegenwartsforschung" 1967 in der DDR hervorging.

Nedos Wirken als Hochschullehrer verdient besondere Wertschätzung. Er bildeteauf der Grundlage einer komplexen, historisch ausgerichteten Lehre vom Gegen-stand volkskundlichen Tuns eine Generation von Studenten aus, die heute das Profilder DDR- Volkskunde in Lehre, Forschung und gesellschaftlicher Praxis, vor allemim Museumswesen, entscheidend mitbestimmt. Das von Paul Nedo entworfene undumgesetzte Lehrprogramm vermittelte der Volkskunde in der DDR wertvolle theo-retisch- methodologische Anregungen. So schloß das Vorlesungsprogramm Lehrver-anstaltungen zur Lebensweise einzelner sozialer Klassen und Schichten, darunterder Handwerker und Proletarier, und zu deren kulturellen Aktivitäten sowie zur Ge-genwartsvolkskunde ein. Damit prägte sich eine volkskundliche Lehrkonzeptionaus, die in ihrem Ansatz noch für die heutige Ausbildung am Bereich Ethnographieder Humboldt- Universität Gültigkeit besitzt.

Nach seiner durch Krankheit erzwungenen Emeritierung 1968 blieben Nedos Be-strebungen vor allem für die gegenwartsrelevante Verantwortung der Volkskundeunermüdlich. Dafür sprechen u. a. seine vergleichenden Forschungen zu Entwick-lungs- und Integrationsproblemen der kleinen Völker und die Untersuchung zur Re-zeption sorbischer folkloristischer Überlieferungen im gegenwärtigen Kunstschaf-

fen.

Ehrenvolle Auszeichnungen belegen die nationale und internationale Würdigungseiner wissenschaftlichen Leistungen. Wir gedenken mit Hochachtung einer laute-ren und über die Grenzen der DDR hinaus geschätzten Wissenschaftlerpersönlich-keit unseres Faches.

Ute Mohrmann, Berlin

Im Andenken an Hon.- Prof. Dr. Ernö Tárkány Szücs

Vor nicht allzu langer Zeit war Dr. habil. Ernö Tárkány Szücs( 1922-1984),Honorarprofessor der Universität Budapest und Mitglied des Ethnographischen

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