Es war Schier nicht mehr vergönnt, die Zusammenfassung seiner Lebensarbeit,das Manuskript ,, West und Ost in den Volkskulturen Mitteleuropas" mit dem Unter-titel„, Landes- und volkskundliche Studien zum Kulturaufbau im deutschsprachigenKernraum Europas und in der deutsch- slawischen Kontaktzone" zu vollenden. DerTod nahm dem rastlos Tätigen die Feder aus der Hand. Seine letzten Worte, vonseiner Frau am Sterbebett getreulich aufgezeichnet, waren Worte Goethes:„ Ver-säumt nicht, die Kräfte des Guten zu üben, windet Kränze in unendlicher Fülle, diesoll'n in der Stille die Tätigen loben..." Worte der Mahnung, Worte der Versöh-nung: Mögen sie als Vermächtnis dieses großen Geistes, der stets das Verbindendeüber das Trennende stellte, von der deutschen Volkskunde beherzigt werden!
Kurt Conrad
Nachruf für Paul Nedo
Am 24. Mai 1984- ein halbes Jahr nach seinem 75. Geburtstag- verstarb in Leip-zig Prof. em. Dr. habil. Paul Nedo, der Nestor der DDR- Volkskunde. Mit ihm, demehemaligen Ehrenmitglied des Vorstandes der Internationalen Vereinigung fürEuropäische Ethnologie und Folkloristik, verlieren die DDR- Volkskunde und diegesamte europäische Ethnologie einen ihrer profiliertesten Fachwissenschaftlernach dem Zweiten Weltkrieg. Dankbarkeit und Anerkennung gebühren seinemumfassenden, dabei vielgliedrigen kulturpolitischen und wissenschaftlichenLebenswerk.
Bereits während des Faschismus in Deutschland setzte sich Paul Nedo als jungersorbischer Lehrer für die Rechte der sorbischen Minderheit ein. Seiner sorbischenHeimat eng verbunden, übernahm er unmittelbar nach der Beendigung des Kriegesdie Funktion eines Bezirksschulrates und den Vorsitz in der Domowina, dem BundLausitzer Sorben.
Der antifaschistischen und demokratischen Erneuerung der deutschen Kultur galtschließlich seine Tätigkeit als Leiter des Amtes für sorbische Volksbildung und derVerwaltung für Kunstangelegenheiten der Landesregierung Sachsen.
1952 erhielt Paul Nedo die Gelegenheit, sich stärker der wissenschaftlichen Arbeitzu widmen. Ihm wurde die Forschungsabteilung des Zentralhauses für Volkskundein Leipzig übertragen, aus der 1956 das Institut für Volkskunstforschung hervorging,das er bis 1961 leitete.
Daneben war Paul Nedo seit 1951 Lehrbeauftragter und seit 1955 kommissarischerDirektor des Sorbischen Instituts an der Karl- Marx- Universität Leipzig.
Die fünfziger Jahre waren für die Herausbildung einer neuen, sich von denTheorien und Methoden der Vorkriegsvolkskunde konsequent distanzierenden Wis-senschaft von der Geschichte und Gegenwart der Kultur und Lebensweise der werk-tätigen Klassen und Schichten des deutschen Volkes von außerordentlicher Bedeu-tung. Die von Wolfgang Steinitz getragene Neuorientierung des Faches fand in ersterLinie durch Paul Nedo Unterstützung. Sein Wirkungsfeld war der„ Kulturbund“,und innerhalb dieser Organisation gründete er bereits 1954 unter Heimatforschern,vor allem Museologen und Lehrern, den Zentralen Fachausschuß Volkskunde,dessen Leitung er bis zu seiner Emeritierung beibehielt. Nedos Bedeutung für dieWissenschaftsgeschichte der DDR- Volkskunde gründete sich zuvorderst auf die
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