Das„ Leben von Adam und Eva" enthält nicht nur eine Art biographischen Abriẞder Ureltern, sondern es reihen sich verschiedene Details, von denen hier nur alsBeispiel die Sage von der Herkunft des Apfelbaumes stehen soll. Diese Mythe umeinen Fruchtbaum, der im indogermanischen Bereich ebenso wie bei anderen Völ-kern eine auch kultisch bedeutende Rolle gespielt hat, weiß, daß Adam oder Eva( zumeist die letztere) beim Essen des Apfels vom Baum der Erkenntnis einen Kernausgespuckt hat, oder daß beim Zerteilen einer Frucht ein Kern heruntergefallen ist.Diesen Kern trägt nun entweder der Wind oder das Wasser des Paradiesesflusses aufdie Erde, wo er Wurzeln schlägt und zu einem Apfelbaum heranreift.
Turdeanu zeigt nun nicht nur die Verbreitung dieses Motivs vom Hebräischen herim rumänischen und slawischen Raum, sondern er verfolgt es über die legendäreAusformung bis in Lieder und Gedichte hinein, wobei er als das wichtigste Gedichtjenes des rumänischen Dichters Lucian Blaga( der in Wien in Philosophie promo-viert hatte) untersucht.
Ob es sich nun um die Vision des Isaias, die Apokalypse oder das TestamentAbrahams, das Testament der zwölf Patriarchen und die Chronik des Moses, dieLegende des Jeremias oder die Baruch- Apokalypse handelt, überall untersucht derAutor nicht nur die Quellenfrage und den Weg der Wanderung, sondern er interpre-tiert auch die hinter den Texten stehende Volksglaubensvorstellung und ihre Verbin-dung mit rumänischen oder slawischen autochthonen Elementen. Ob es sich um dieZusammensetzung des Menschen handelt( S. 410) oder um die Paradies- Blumen( S. 369), immer wieder stoßen wir auf Motive, die uns aus Legendensagen oder auchVolksliedern bekannt sind, deren fernere Abstammung uns jedoch zumeist nicht ge-läufig war.
Über so manches Motiv hat im Zusammenhang von Bild und Text Kretzenbacherpubliziert- wie etwa über die Jordantaufe auf dem Satanstein in„ Bilder und Legen-den"( Klagenfurt, 1971, S. 187)-, und Turdeanu hat auch diese Forschungen in seinWerk eingebaut, das aber nun in räumlicher Hinsicht eine große Breite anstrebt.
Turdeanu hat ein immenses Material verarbeitet, und doch ist sein Buch übersicht-lich- wozu auch die Register beitragen- und gut zu lesen. Zu ergänzen wäre noch:Heda Jason, Märchen aus Israel; Köln 1976, wo sich zahlreiche alttestamentlicheapokryphe Stoffe in volkstümlichen Fassungen finden.
Sehr häufig nimmt die Wanderung von Texten und Manuskripten ihren Weg überden deutschen Raum, so ist das Buch auch für uns wichtiger, als es manchem Leserprima vista scheinen mag. Auch an der Bibliographie läßt sich ablesen, in welchemUmfang sich bisher deutsche Forscher mit einzelnen Themen und Problemen ausdiesem Gesamtkomplex beschäftigt haben. Aber nirgendwo findet man einen derar-tigen Überblick, und selten wurden bei einer Untersuchung von Apokryphen dievorhandenen volkskundlichen Aspekte so ausführlich berücksichtigt. So ist dasWerk wirklich ein Handbuch, das für die Arbeit in unserer Disziplin unentbehrlichwerden wird.
Felix Karlinger
Cătălina Velculescu, Cărţi populare şi cultură româneascä. EdituraMinerva, Bukarest 1984, 219 Seiten.
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