Jahrgang 
87 (1984) / N.S. 38
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der Stadt Frankfurt an den Nachlaß eines jungen Mannes, der sich in seineraußerordentlichen Geschlossenheit als einer eigenen Ausstellung wert erwies. Dasausführliche Fotomaterial aus dem Familienalbum, die Gegenstände aus dempersönlichen Besitz des Jungen, seine Notizbücher, Briefe, Schulhefte und-bücherwurden an Hand von Interviews mit Verwandten und Freunden durch CorneliaRühlig und Jürgen Steen aufgearbeitet, so daß ein ungemein dichtes und komplexesBild eines Lebens im III. Reich entstand. Die Autoren wollen dieses Bild nicht alsexemplarisches Pars pro toto verstanden wissen, aber auch nicht als Einzelfall,sondern sie schildern das Leben, wie es sicher in dieser oder ähnlicher Art von vielenJugendlichen im Großstadtbereich zu jener Zeit geführt wurde. Gerade für Leseroder auch Besucher dieser Ausstellung, die nach dem Krieg erst geboren wurden,oder ihn nicht bewußt erlebt haben und die aus der sicheren Entfernung derGegenwart leicht dazu neigen, allen, die nicht aktiv im Widerstand engagiert waren,mit Argwohn und Mißtrauen zu begegnen und oft vorschnell von Mitschuld zusprechen( zu denen sich auch die Rezensentin selbst zählt), sehen sich vielleichterstmals mit den konkreten Lebensbedingungen eines im Alter Nahestehendenkonfrontiert. Nicht die Rehabilitierung der Politik jener Jahre wird versucht, keinVerständnis für die gnadenlosen Machtmechanismen der Nationalsozialistenhervorzurufen versucht, sondern im Gegenteil, das Geschick dieser Mechanismenund ihrer Anwendung aufgezeigt, das Leben in seiner Alltäglichkeit dargestellt.Schule, Prüfungen, erste Liebeserlebnisse, Ausflüge, Tanzstunden usw., all dasbestimmte auch das Leben eines siebzehn-, achtzehnjährigen Burschen und nichtnur HJ und SA. Gerade der geschilderte Fall zeigt die Diskrepanz zwischen Äußer-lichkeiten, wie Mitgliedschaft bei verschiedenen Jugendorganisationen,, frei-willigem" Einrücken, Uniformierung und Organisiertheit und der Auflehnungdagegen, wenn diese Auflehnung sich auch in diesem Fall sicher gegen die Dominanzdes Vaters, eines überzeugten Anhängers der Nationalsozialisten, richtete. Schonlängere Haare, eine Armbanduhr oder das Pfeifen von ein paar Takten einesbestimmten Liedes konnten Protest sein- und nicht jeder ist ein Scholl. Protestierenist leicht, wenn höchstens eine Verwaltungsstrafe droht, bei wirklicher Todesgefahraber liegen die Dinge doch anders, und viele, die heute so bereitwillig in ihrenAngriffen auf Überlebende des III. Reiches sind, sollten ihre Positionen vielleichteinmal überdenken und überlegen, wie sie gehandelt hätten, wenn es galt, die eigeneFamilie oder auch das eigene Leben zu schützen. Ich möchte nochmals wiederholen,daß das keinerlei Sympathie oder Verständnis für die damaligen Zustände zumAusdruck bringen soll, aber das schmale Bändchen des Historischen Museums regtan, nachzudenken. Die detaillierte Schilderung Walters Lebensumstände bringt eineunmittelbare Nähe mit sich, der man sich nicht entziehen kann und daher stellt eseinen ganz wichtigen Beitrag dar zur Aufarbeitung der Ereignisse und auch desAlltags in der Zeit des Nationalsozialismus.

Eva Kausel

Max Gschwend, Die Bauernhäuser des Kantons Tessin/ La casa ruralenel Canton Ticino( trad. Orlando Pampuri, Arnaldo Rivola). Band 2: Haus-formen, Siedlungen; mit einem Beitrag von Rosanna Zeli. Basel 1982. 384 Sei-ten, 952 Abbildungen, Risse, Pläne und Karten, 2 Farbtafeln, 1 Faltkarte, Leinen,sfrs 88,-.

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