Konzepte der Gegenwartsvolkskunde
Von Hermann Bausinger
Vorweg: Es handelt sich um eine Vortragsskizze¹), keine aus-führliche und detaillierte Abhandlung. Es ist unmöglich, hier all dievielen theoretischen Äußerungen zur Gegenwartsvolkskunde zudiskutieren, unmöglich auch, für die Praxis der Gegenwartsvolks-kunde einen umfassenden Katalog von Beispielen anzuführenganz abgesehen davon, daß eine solche Bestandsaufnahme miteiner Revue von Namensnennungen verhältnismäßig langweiligwäre. Ich sehe mich auch nicht in der Lage, explizit verschiedeneForschungsrichtungen der österreichischen Gegenwartsvolks-kunde zu würdigen, und es ist nicht auszuschließen, daß ich michhin und wieder durch diese volkskundliche Landschaft als tumberTor bewege( böse Zungen behaupten allerdings, dies sei eine in derVolkskunde auch in der österreichischen- erfolgreiche Fortbe-wegungsart). Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufäl-lig zumindest geht es nicht um einen Personenstreit, sondern umdie Sache.
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Schematische Einteilung
Die Sache das ist die Gegenwartsvolkskunde. Es soll nicht ver-schwiegen werden, daß es sich um ein problematisches Wort han-delt, das eine Ausgrenzungsmöglichkeit vorgibt, die so nicht vor-handen ist. In der Phase lebhafter theoretischer Auseinanderset-zungen um 1970 wurde das Wort vorübergehend zum Kampf-begriff: Weg vom alten Zeug, weg vom Musealen, weg übrigensauch vom Museum, mit dem man nichts mehr anfangen zu könnenglaubte. Es ist ein Glück für das Fach, daß diese Auffassung sehrschnell problematisiert wurde und daß sie sich rasch korrigierte.Gegenwartskunde ohne historische Perspektive ist inzwischen nichtmehr denkbar; freilich gilt auch, daß historische Volkskunde
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