Jahrgang 
87 (1984) / N.S. 38
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Der zweite Abschnitt ist den Fabeln, Sprichwörtern und Rätseln gewidmet, die inRumänien relativ früh aufgezeichnet worden sind und die das Genre der volkstüm-lich belehrenden Literatur vertreten.

Der dritte Abschnitt schließlich behandelt die religiöse Volksliteratur. Gaster glie-dert diesen Teil in 23 Unterkapitel, in denen die verschiedenen Apokryphen, Legen-den und Sondererscheinungen wie Himmelsbriefe- analysiert werden.

Insgesamt ist das Werk also ein Leitfaden durch die schriftlich festgehalteneVolksliteratur Rumäniens: kluge Beobachtungen zur jeweiligen Quellenlage undeine breite Kenntnis zu auẞerrumänischen Parallelen machen das Buch wertvoll.

Eine wichtige Ergänzung dazu stellt nicht nur das Vorwort von Anghelescu dar,der darin auch auf die späteren einschlägigen Arbeiten Gasters eingeht, sondern inbesonderem Maße ein Abschnitt Note", in dem der Herausgeber das Werk zumin-dest in den Anmerkungen auf den heutigen Forschungsstand zu bringen bemüht ist.Das bedeutet sowohl eine behutsame Korrektur als auch ein Auffüllen und Moderni-sieren der Bibliographie. Und erst so erschließt das Buch seinen Wert für die prakti-sche Forschung.

Gerade in dieser erweiterten Form bildet Gaster eine Ergänzung zum zweibändi-gen Werk von Cartojan Cărţile populare", dessen 2. Auflage 1974 erschienen ist.Cartojan hatte ja seinerseits teilweise auf Gaster aufgebaut oder zumindest dessenForschungen ausgewertet.

Dankbar begrüßt man das Sach- und das Namensregister, welche die Benützungdes Buches erleichtern und die sonst oft in vergleichbaren Werken fehlen.

Wenn ein Werk 100 Jahre nach seiner Erstausgabe nochmals erscheint, ist das einZeichen, daß es noch gebraucht wird und seinen Wert nicht verloren hat. Für dieVolkskunde ein erfreuliches Buch!

Felix Karlinger

Felix Karlinger, Grundzüge einer Geschichte des Märchens im deut-schen Sprachraum. Darmstadt, 1983, IX, 159 Seiten.

Felix Karlinger, dessen in mehr als zwanzig Jahren intensiver Feldforschung aufdem Gebiet der Volkserzählung erworbenen Erfahrungen in diesen Band einfließen,zeigt sich der Problematik einer Begrenzung dieser diachronen Darstellung des Mär-chens auf einen bestimmten Sprachraum wohl bewußt. Es gibt kein deutsches Mär-chen, aber es gibt ein Märchen in deutscher Sprache", stellt er im Vorwort zu der vor-liegenden Untersuchung fest und weist hiermit dem sprachlichen Kriterium lediglichdie Funktion einer annähernd genauen Abgrenzung zu.

Der Versuch des Autors, so heterogene Gattungen wie Volks- und Kunstmärchenin einer vergleichenden Übersicht darzustellen, verlangt von ihm methodische Kon-sequenzen: ist es im Falle des Kunstmärchens die literaturwissenschaftliche Betrach-tungsweise, die zur Anwendung gelangt, so fordert das Volksmärchen umfassendeKenntnisse auf den Gebieten verschiedenster Hilfsdisziplinen wie der Volkskunde,der Soziologie, der Religionswissenschaft und Ethnologie, um nur einige zu nennen.

Die diachrone Untersuchung erweist sich am ehesten im Bereich des Motivischenanwendbar, das in seinem Kern durch den Lauf der Jahrhunderte verfolgt werden

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