M. Gaster, Literatura populară română. Ediţie, prefaţă şi note de MirceaAnghelescu. Editura Minerva, Bucureşti 1983. XXVIII, 415 Seiten.
Moses Gaster war ein international geachteter Literaturwissenschaftler, der seineStudien in verschiedenen Sprachen veröffentlicht hat. Er ist als Mitarbeiter in denbedeutendsten Handbüchern der Jahrhundertwende zu finden, wie etwa in,, Gröbers Grundriß der romanischen Philologie", wo er in einem ca. 170 Seiten um-spannenden Beitrag die Geschichte der rumänischen Literatur bearbeitet hat. Schondort fällt auf, mit welcher Sorgfalt und mit welchem Kenntnisreichtum Gaster zurrumänischen Volksliteratur und ihren verschiedenen Zweigen Stellung zu nehmenverstanden hat. Vorausgegangen aber im deutschen Sprachraum damals nochkaum bekannt war das 1883 in Bukarest erschienene Buch mit dem oben angeführ-ten Titel. Man findet es immer wieder sowohl in Werken zur rumänischen Literaturwie zur Volksliteratur zitiert, doch war bisher das Buch schwer zu erreichen. So istzunächst erfreulich, daß eine neue und orthographisch modernisierte Ausgabe denText besser zugänglich macht. Mircea Anghelescu ist durch zahlreiche einschlägigeForschungen gut ausgewiesen und hat diese Edition mit Akribie betreut.
Was enthält nun dieses Werk! Es gilt nicht der mündlichen Erzähltradition, son-dern jenen volkstümlichen und volksnahen Erzählstoffen, die im engeren Sinn der,, littera“ ihre feste Form gefunden haben und bei uns mit„ Volksbuch“,.,,,, Colportage-Literatur und Volksdrucken" umschrieben werden, wobei wir bedenken müssen,daß das gesamte frühe Material nur in Handschriften verbreitet war. Abschriftenvolkstümlicher Geschichten wurden in Heften bis weit ins 19. Jahrhundert hineinvorgenommen, und die Verbreitung ist nicht nur zahlenmäßig beachtlich, sondernauch in ihrer Bedeutung enorm. Man kann zum Beispiel an der Texttreue oder Text-freiheit einer neueren Abschrift gegenüber frühen Niederschriften gut ablesen, woes dem Schreiber und seinem Publikum auf die Wörtlichkeit insbesondere bei reli-giösen Volksbüchern, die auch als Amulette verbreitet waren, angekommen ist, undwo eine Geschichte sich dem Geschmack und Verständnis der Zeit stärker zuwendenkonnte.
Gaster hat sein Buch in drei Hauptabschnitte eingeteilt. Der erste gilt dem welt-lichen Volksbuch, ausgehend von der dem Ritterroman nahestehenden und in derrumänischen Version besonders phantastischen„ Alexandria“ bis zu den beliebtenund verbreiteten Schwankbüchern, wie dem„ Bertoldo“, dem„ Til Buh- oglindä“( Till Eulenspiegel) und dem„ Nastratin Hogea". Er hat aber auch erbauliche Werke,wie den„ Barlaam" und die„ Genovefa", hierhergerechnet.
Der Autor hat dem damaligen Forschungsstand entspechend jeweils einen Über-blick über die Geschichte des betreffenden Stoffes vermittelt, die Verbreitung aufdem rumänischen Boden untersucht, zum Inhalt Textproben abgedruckt und auchdie Funktion anzuschneiden versucht. Wichtig ist dabei vor allem, daß Gaster stetsdie Querverbindung zur mündlichen Volkserzählung und zum Volkslied aufzuzeigenbemüht ist, sei es, daß vom geschriebenen und gedruckten Volksbuch unmittelbareund mittelbare Einflüsse auf die orale Tradition übergegriffen haben, sei es, daßVolkslieder in die schriftlichen Fassungen übergegangen sind. Wir müssen dabeibedenken, daß diese Geschichten ihre Funktion nicht im„, stillen Lesen", sondern imVorlesen gehabt haben. So konnte ein einzelnes Exemplar eines Stoffes im Laufe derZeit leicht Hunderte von Zuhörern erreichen.
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