Le fait divers. Katalog der gleichnamigen Ausstellung des Musée national des arts ettraditions populaires vom 19. 11. 1982 bis 18. 4. 1983 in Paris. Redigiert von AlainMonestier. Paris, Ministère de la Culture/ Editions de la Réunion des muséesnationaux, 1982. 167 Seiten, reich illustriert.
Es war nicht Ziel der Ausstellung, eine„ Geschichte der vermischten Nachrichten"zu bieten, wie die Gestalter in der Einleitung feststellen, sondern vielmehr sollte ver-sucht werden, den Wirkungsbereich der lokalen Chronik zu erfassen und so einenZugang zur Mentalität, zur Kultur ihres Publikums zu finden.
In sieben Kapiteln arbeitet der Katalog dieses Thema auf. Er stellt somit aucheinen weiteren wichtigen Beitrag in der Reihe von Untersuchungen zur Zeitung alsQuelle dar( vgl. ÖZV XXXVII/ 86, 1983, H. 3, S. 173-175. Die Zeitung als Quelle.Bericht vom 1. internationalen Symposium des Instituts für Gegenwartsvolkskundein Mattersburg). Im Abschnitt„, Le fait divers à mauvaise presse" wird das Verhaltendes Leserpublikums, seine Einstellung und seine Emotionen dieser Art von Bericht-erstattung gegenüber beleuchtet.
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,, Les héros de l'ordre" et le„ ,, Trait d'humanité“ behandelt ein besonderes Genre,das vor allem im 18. Jahrhundert im Anschluß an die Rousseausche Idee der Tugendim ,, kleinen Mann" große Bedeutung und Beliebtheit besaß. Themen dieser Art be-faßten sich vor allem mit„ Opfern ihres Berufs"( Feuerwehrleute, Polizisten..und Kindern als Lebensrettern. Im Gegensatz dazu steht„ La célébration des trans-gresseurs". Hier wird die große Faszination, die von bestimmten Verbrechern aus-geht, untersucht( vgl. z. B. im österreichischen Raum den RäuberhauptmannGrasl). L'exotisme de la pègre" schließt thematisch daran an. Die ,, Exotik Glossar ::: zum Glossareintrag Exotik" der Un-terwelt zieht nicht nur Schriftsteller und Leser, sondern auch Wissenschaftler immerwieder in ihren Bann( vgl. z. B. Roland Girtler: Der Adler und die drei Punkte.Wien 1983).„ Les ambiguités de la gouillotine" verweist auf die Affinität der Leserder ,, faits divers"- trotz aller Faszination, die Unterwelt und Verbrecher ausüben-zu rigorosen Bestrafungen, wobei nicht allein die Strafe genügt, sondern Reue er-wartet wird; nur so erhält die bestehende moralische Ordnung ihre Bestätigung. DieFrage„, Qu'est- ce qu'un fait divers?"( was ist ein„ fait divers"?) stellt das folgendeKapitel und kommt zu dem Schluß, daß es unmöglich ist, eine konkrete Definitionaufzustellen. Für eine Analyse soll daher ganz darauf verzichtet werden und viel-mehr das Augenmerk auf die konstanten, formelhaften und immer wiederkehren-den Themen gerichtet werden.
,, Les thèmes fixés du fait divers" stellt daher fest, daß die Anzahl der Themenkom-plexe sehr begrenzt ist: Verbrechen, Selbstmord, Unfälle, Naturkatastrophen, Mon-ster und Abnormitäten, Naturereignisse( z. B. Sonnenfinsternis, Kometen), Para-psychologisches, heroische Taten, Justizirrtümer und Verwechslungsgeschichtenanekdotischer Art sind die immer wiederkehrenden Konstanten. Ein ähnlichesTypenregister wie für das Märchen von Aarne- Thompson scheint auch hier aufstell-bar. ,, Le fondamental, le permanent et l'univers" beschäftigt sich mit den Erzähl-strukturen und zeigt auf, daß in dieser Art von Meldungen alle für ihr Verständnisnotwendigen Informationen enthalten sind, woraus auch ihre Zeitlosigkeit resul-tiert. Kernstück ist die Behandlung menschlicher Grundprobleme( Liebe, Tod,Schicksal...) und daraus ergibt sich ein Zusammenhang zu anderen Erzählformen,wie Mythen und Märchen.
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