Jahrgang 
123 (2020) / N.S. 74
Seite
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ÖZV, LXXIV/ 123, 2020, Heft 1+ 2

Nicole Karczmarzyk: Mediale Repräsentationen der

Kaiserin Elisabeth von Österreich. Sissi in Film, Operetteund Presse des 20. Jahrhunderts(= Szenen/ Schnittstellen, 2).Paderborn: Wilhelm Fink 2017, 227 Seiten, zahlr. Abb.

Elisabeth von Österreich, besser bekannt als Sissi- eine der Schat-tengestalten, die auf den Bühnen des kollektiven Gedächtnisses her-umirren. Es gab sie mal in der Realität, so wie Mata Hari, Katharinadie Große oder Mutter Theresa. Doch sie hat ihr Wesen geändert,hat ihre Charakteristika aus den Geschichten gewonnen, die über sieerzählt worden sind, mehr als aus dem, was ihr geschah. Es sind mehrals fünfzig Filme, die von Sissi erzählen. Ohne Zweifel: ein Medien-star. Zu den Filmen gesellten sich Bücher, Zeitungsartikel, touris-tische Produkte und anderes mehr. Die reale Figur der Geschichteverliert Gesicht und Kontur, wird überlagert und abgelöst durchdie medialen Repräsentationen. Nicole Karczmarzyk hat 2016 eineAnalyse der Sissi- Spielfilme als Dissertation vorgelegt, die erste zumThema. Sie nimmt Sissi als mythische Figur, sucht eine mythischeLogik" aufzufinden, die die fast hundertjährige historische Folge derBilder angetrieben und zu immer neuen Charakterisierungen bzw.Auslegungen der Figur geführt hat.

Karczmarzyk spricht schon zu Beginn ihrer Überlegungendavon, dass spätestens in der Mitte des 20. Jahrhunderts die poli-tisch motivierten Nationalmythen ihre Geltung eingebüßt hätten unddass die Sissi- Figur eine Alternative dargestellt habe, auf die sich kol-lektive Sehnsüchte projizieren ließen( S. 15)- interessanterweise alsweiblicher Gegenentwurf zu den Männlichkeitsbildern, die der Kai-ser vertritt( allerdings könnte man das Bedenken anmelden, dass dieKaiserin- Mutter wiederum regelmäßig eine andere, gefügigere undder politischen Macht verpflichtete Weiblichkeitsvorstellung inkor-poriert). Emotionalisierung regiert die Mythisierung, auch davonist die Rede, vermittelt über die aus der Star- Forschung gewonneneaffektive Größe der kollektiven Wunschvorstellungen oder Sehn-süchte( S. 25). Auch die Annahme, dass die Sissi- Figur sich als Pro-jektionsfläche für Individualitätsentwürfe( S. 99) eigne, deutet daraufhin, dass RezipientInnen sich ganz auf Sissi konzentrieren; alle ande-ren Figuren operieren in einem letztlich formalen Rahmen, besitzen