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ÖZV, LXXIV/ 123, 2020, Heft 1+ 2
gesellschaftlichen Akteur* innen( wie u. a. der protestantischen Kirche,Fabrikbesitzern) nicht goutiert wurde, da diese vom puritanischenBallast befreite Unterhaltung inklusive fehlender Affekt- und Trieb-kontrolle nicht den bürgerlichen Werten der Sparsamkeit, Mäßigung,Arbeitsdisziplin und Pflichtbewusstsein entsprach, 64 entstand mit dermodernen Freizeitgesellschaft ein Vergnügungsangebot jenseits derErlaubnis der tradierten Anlässe des vormals auf den religiösen undagrarischen Kalender beschränkten Festkanons.65 Diese Entwick-lung steigerte sich ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mitder stetigen Zunahme kommerzieller Feste und Veranstaltungen( vonHappenings, Discos und Raves über Wein- und Bierwochen sowieStad( teil) feste bis zu Musik-, Theater-, Opernfestivals, Kulturwo-chen, Sportfesten u. ä.), die unter dem Schlagwort„ Eventisierung“zusammengefasst werden und mitunter als Veralltäglichung des festli-chen Erlebnisses67 bezeichnet werden können.
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Nach Caillois stellt das Fest einen Höhepunkt im Lebendar, eine Explosion, die die glanzlose Kontinuität und Monotoniedes Alltags unterbricht und die der/ m Einzelnen wie eine„ andereWelt" erscheint, in der er/ sie sich verwandelt und von übergeordne-ten Kräften getragen fühlt.68 Dem Rausch komme dabei die Funktionzu, den schwachen kollektiven Zusammenhalt, der durch die Ver-einzelung im Alltag nur schwierig aufrechtzuerhalten ist, zu stärkenund durch die periodische Explosion die Menschen einander annä-hern zu lassen und zusammenzuführen.69„ Work hard, play hard“ istauch heute noch ein beliebter Motivationsspruch in der kapitalisti-schen Arbeits- und Gesellschaftsordnung, der das Wissen um dieErneuerungskraft des Festes weiterträgt. Doch trotz der Vielzahlan Möglichkeiten, in unterschiedlichen kulturellen Kontexten undMilieus theoretisch täglich die Routinen und Zwänge des Alltags zu
64 Ebd., S. 148 f.
65 Vgl. Winfried Gebhardt: Feste, Feiern und Events. Zur Soziologie desAußergewöhnlichen. In: Winfried Gebhardt, Ronald Hitzler, MichaelaPfadenhauer( Hg.): Events. Erlebniswelten. S. 17-31, hier S. 26.
66 Vgl. ebd., S. 17-31.
67
Vgl. Agnès Villadary: Fête et vie quotidienne. Paris 1973.
68
Vgl. Roger Caillois: Der Mensch und das Heilige( 1950). Aus demFranzösischen von Brigitte Weidemann. München, Wien 1988, S. 129 f.69 Vgl. Caillois( wie Anm. 37), S. 115.