Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde123 (2020) / N.S. 74Barnaš, Veronika: Arbeit am Schwindel. Fahrende Schausteller*innen und mechanisch erzeugte Rauscherlebnisse auf Jahrmärkten.

  
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Arbeit am Schwindel. Fahrende Schausteller*innen und mechanisch erzeugte Rauscherlebnisse auf Jahrmärkten. : (Filmische) Einblicke in die Gegenwart und historischer Kontext
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ÖZV, LXXIV/ 123, 2020, Heft 1+ 2

wiederherstellbar sei.58 Zur Lokalisierung des Gleichgewichtssinnsbzw. des vestibulären Systems kam es erst im letzten Drittel des19. Jahrhunderts, und dessen Entdeckung war eng mit dem indirektenExperimentieren mit Schwindel verknüpft.59 Die körperliche Erfah-rung des Schwindels und seine physiologischen Begleiterscheinungenwaren also sowohl als Heilmittel und in der sinnesphysiologischenSinnesforschung als Laborinstrument als auch beim populären Volks-vergnügen zentral. Dabei waren die Grenzen der Anwendungsberei-che durchlässig, beschrieb doch schon 1818 der irische Psychiater Wil-liam Saunders Hallaran eine Drehstuhlkonstruktion, auf der, ähnlichwie beim damals bürgerlichen Volksvergnügen Jahrmarkt, vier Perso-nen gleichzeitig auf 100 Umdrehungen/ Minute beschleunigt werdenkonnten.60 Sein Kommentar: The idiots[...] have used it sometimeswhen permitted, as a mode of amusement".61

Reiselogbuch: Vorchdorf, 2. April 2018( Ostermontag): Start der Saisonder Familie Schlader. Es ist die zweite Saison, in der ich sie begleitenwerde. Nachdem ich 2017 v. a. die Auf- und Abbauarbeiten an einzelnenOrten filmte, möchte ich nun möglichst alle Orte anfahren, an denen dieSchausteller* innen in dieser Saison tätig sind, um die unterschiedlichenUmgebungen kennenzulernen. Dabei geht es mir um ein weiteres Motivdes Films: die ,, exotische Glossar ::: zum Glossareintrag  exotische" Ästhetik der mobilen Architekturen der Fahrge-schäfte, die stark im Kontrast steht zu unterschiedlichen Umgebungen-den Landschaften und/ oder den bebauten Gebieten. Der Kirtag in Vorchdorfist relativ klein und gibt weder von der Umgebung( eine Baulücke am Randeeiner Wohnhaussiedlung aus den 1950er Jahren) noch von den Blickwin-keln auf die Fahrgeschäfte außergewöhnliche Motive für den Film her. Da dieAnfahrt von Wien ein paar Stunden gedauert hat und ich nicht sofort wiederzurückfahren möchte, überlege ich eine Fahrt mit einem Fahrgeschäft zufilmen. Wenn sich der Film um den Jahrmarkt drehen soll, muss auch dieBewegung der Besucher* innen in den Fahrgeschäften vorkommen. Da ichPanik allerdings weder in Wollust noch in eine Einheitserfahrung überset-zen kann, ist das maximale Erlebnis, das ich filmen kann, eine Fahrt mit

58

Ebd., S. 267.

59

Vgl. ebd., S. 285.

60 Vgl. ebd., S. 275.

61

William Saunders Hallaran: Practical Observations on the Causes andCure of Insanity. Cork 1818, S. 94 f.