Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde123 (2020) / N.S. 74Katschnig, Gerhard: Zwischen kritischem Wissensdiskurs und tradierter Selbstjustiz

  
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Zwischen kritischem Wissensdiskurs und tradierter Selbstjustiz : Georg Tallars Visum Repertum Anatomico Chyrurgicum im Spiegel der aufklärerischen Vampirismusdebatte
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ÖZV, LXXIV/ 123, 2020, Heft 1+ 2

als Wund- und Regimentsarzt arbeitete er zivil in diversen Lazarettenund Spitälern in Subotica im heutigen Nordserbien.

Nach der Einschätzung von Ádám Mézes bleibt zu vermu-ten, dass der Verleger Mösle Tallars Bericht falsch datierte. Anfang1753 langte in der Generalkommandantur Timișoara ein Schreiben ein,das um Aufklärung mehrerer Vorfälle bat, die sich in Klein- Dikvan,Rakasdia( Răcășdia) und Kallacsa( Călacea) ereignet hatten. Die Auf-klärung sollte rasch erfolgen, da Gold- und Silberbergwerke sowie eineMünzwerkstatt betroffen waren. Die Landesadministration entsandteGeorg Tallar mit zwei weiteren Personen, um die Fälle zu untersu-chen. Tallars Bericht wurde Ende 1753 an die Sanitätshofkommis-sion nach Wien übermittelt, wo er für die folgenden drei Jahrzehnteunbeachtet blieb, ehe Mösle unter nicht bekannten Umständen aufihn stieß und 1784 druckte, aber aus ungeklärten Gründen auf 1756datierte. Nach seinem Auftrag im Banat wurde Tallar Kreisarzt inCaransebeş im Südwesten Rumäniens, wo er 1762 starb.41

Im Folgenden interessiert der methodische Zugang, den Tal-lar wählte, um das Thema Vampirismus ebenso wissenschaftlich wiebreitenwirksam zu erläutern. Wie die Berichte von Frombald, Glaserund Flückinger war auch jener Tallars handschriftlich verfasst undan die Landesadministration gerichtet. Der Titel der umfangreichenAbhandlung suggeriert, dass es sich bei diesem Visum Repertum Ana-tomico Chyrurgicum um einen forensischen Bericht handeln müsse,wie er 1732 von Flückinger verfasst worden war. Tallar beginnt seineAbhandlung jedoch mit einer Kernkritik an der Aufklärung: dass esabseits der in sich geschlossenen gelehrten Sozietäten und schreiben-den wie lesenden Eliten auf dem Land Probleme der Lebensgestaltunggebe, die gerade in Krisenzeiten ungelöst blieben. Die Nachlässigkeitder Seelsorger, mit pädagogischen Beispielen die Grenzen zwischenLeben und Tod aufzuklären, führe zu jenem Irr- und Aberglauben,dem selbst mit gesetzgeberischen Maßnahmen nicht beizukommensei. 42 Der geringe Grad an Bildung sei demnach für die Anfälligkeit

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Vgl. Ádám Mézes: Georg Tallar and the 1753 Vampire Hunt: Adminis-tration, Medicine and the Returning Dead in the Habsburg Banat.

In: Éva Pócs( Hg.): The Magical and Sacred Medical World. Newcastleupon Tyne 2019, S. 93–136, hier S. 109–114.

42 Vgl. Tallar( wie Anm. 38), fol. 3v.