Gerhard Katschnig, Zwischen kritischem Wissensdiskurs und tradierter Selbstjustiz 71
weitgehend unbekannt. Es ist dem Verleger Johann Georg Mösle40 zuverdanken, dass er nicht nur Tallars Bericht 1784 gedruckt, sondernauch eine biografische Einleitung vorangestellt hat, der wir die wesent-lichen Informationen entnehmen können. Demnach absolvierte Tal-lar, der gegen 1700 geboren wurde, ein chirurgisches Studium an derUniversität Mainz und erwarb sein Diplom als Feldchirurg bei demProfessor für Anatomie und Chirurgie Johann Salzmann( 1679–1738)an der Universität Straßburg. Die weiteren Stationen hat Tallar selbstüberliefert sie lesen sich wie ein eigens attestierter Befähigungs-nachweis und weisen ihn als militärischen Wundarzt mit mehrjährigerErfahrung aus, die er sich bei verschiedenen kaiserlichen Regimen-tern in deren Feldzügen gegen osmanische und französische Heereerworben hatte: 1724 als Kompaniearzt des Geyerschen Regimentsin Deva( Siebenbürgen), wo er mit Major Quirin von Fockerer, demKommandanten der Burg Deva, zusammenarbeitete, 1728 unter demRegiment Vetterany in Oburscha( Walachei) sowie 1753 unter FürstLobkowitz in Klein- Dikvan, Sebell und Kallacsa( als Teil der habs-burgischen Kron- und Kammerdomäne Temescher Banat). Insgesamtwurde er fünfmal mit Vampirfällen konfrontiert. Im Gegensatz zuGerard van Swieten und anderen Zeitgenossen, welche in den üblichenHof- und Gelehrtensprachen Französisch und Latein kommunizier-ten, konnte Georg Tallar die Vorzüge der Mehrsprachigkeit auch inden südöstlichen Landesteilen des Habsburgerreiches anwenden: Ersprach neben Deutsch und Latein zusätzlich Rumänisch und Unga-risch, womit er sich mit den Ansässigen vor Ort ohne Vermittlungeines Dolmetschers persönlich unterhalten konnte. Nach seiner Zeit
Untersuchungskommission der löbl. k. k. Administration im Jahre 1756erstattet hat. Wien, Leipzig 1784, S. 5-8.
40 Der aus der Salzburger Provinz stammende Johann Georg Mösle absol-vierte in Wien eine Buchhändlerlehre, gründete dort 1783 seine eigeneVerlagsbuchhandlung und stieg binnen weniger Jahre zu einem der ange-sehensten Buchhändler in der josephinischen Ära auf. Der vielseitige Ver-leger vertrieb neben medizinischen und wichtigen juristischen Schriftenauch klandestine Erotika. Vgl. Johannes Frimmel:„ Verliebte Dumm-heiten und ekelhafte Nuditäten“: Der Verleger Johann Georg Mösle, diePriapische Dichterlaune und der Erotika- Vertrieb im josephinischen Wien.In: Das achtzehnte Jahrhundert. Zeitschrift der deutschen Gesellschaftfür die Erforschung des achtzehnten Jahrhunderts 2( 42), 2018, S. 237–251, hier S. 238 f.