Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde123 (2020) / N.S. 74Katschnig, Gerhard: Zwischen kritischem Wissensdiskurs und tradierter Selbstjustiz

  
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Zwischen kritischem Wissensdiskurs und tradierter Selbstjustiz : Georg Tallars Visum Repertum Anatomico Chyrurgicum im Spiegel der aufklärerischen Vampirismusdebatte
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Gerhard Katschnig, Zwischen kritischem Wissensdiskurs und tradierter Selbstjustiz 65

und sambt denen Cörpern verbrennt, die Aschen darvon inden Fluẞ Morova geworffen, die verwesene Leiber aber wie-derumb in Ihre vorgehende Gräber geleget worden. 20

Anders als Glaser und umfangreicher als Frombald fassteFlückinger die Exhumierung und anschließende Obduktion- inklu-sive der Geschichten, die über die Verstorbenen erzählt wurden- inbemüht objektiver Beobachtung zusammen, ohne sich ein schriftli-ches Urteil über den Wahrheitsgehalt des Volksglaubens an Vampirezu erlauben. Der für die Nachwelt wesentliche Unterschied zum Fallvon 1725 bestand in der weiteren Dokumentation, die aus einer kuri-osen Grenzlandseuche eine mediale Sensation generierte. Währendvonseiten der Belgrader Oberkommandantur die Berichte lediglichnach Wien geschickt wurden, wo sie in den Tiefen der behördlichenAdministration verschwanden, fertigte Glaser eine Abschrift seineseigenen Berichts an und schickte diese an das für sanitätspolizeili-che Aufgaben zuständige Collegium Sanitatis nach Wien. Außerdemunterrichtete er brieflich seinem Vater, dem Arzt Johann Glaser, vonden Vorfällen. Johann Glaser war unter anderem Korrespondent derNürnberger medizinischen Wochenschrift Commercium litterariumund griff die Erzählung seines Sohnes in der folgenden März- Aus-gabe auf. Der Generalgubernator Carl von Württemberg wiederummusste unmittelbar nach dem Vorfall in Medvegya aufgrund vonErbfolgeansprüchen nach Stuttgart reisen, wo er im Zuge diploma-tischer Ränkespiele Erstaunliches aus seinem Belgrader Berufsalltagzu berichten wusste. Über ihn gelangte Flückingers Bericht in dieKöniglich Preußische Sozietät der Wissenschaften." Damit waren dieRezeptionskanäle für jegliche Form der Aufbereitung in journalis-tischer, medizinischer,( populär-) wissenschaftlicher und gesellschafts-politischer Hinsicht geöffnet, um aus einem irritierenden Vorfallan der Südostgrenze des Habsburgerreiches in wenigen Jahren eineeuropaweite Debatte zwischen kritischem Wissensdiskurs und tra-dierter Selbstjustiz anzustoßen.

20 Ebd., fol. 1140r.

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Vgl. Hamberger( wie Anm. 12), S. 54; Peter Bräunlein: FurchterregendeRandzonen der Aufklärung: Skandalon Vampirismus. In: Zeitschrift fürAnomalistik 15, 2015, S. 55-87, hier S. 62-66.