Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde123 (2020) / N.S. 74Katschnig, Gerhard: Zwischen kritischem Wissensdiskurs und tradierter Selbstjustiz

  
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Zwischen kritischem Wissensdiskurs und tradierter Selbstjustiz : Georg Tallars Visum Repertum Anatomico Chyrurgicum im Spiegel der aufklärerischen Vampirismusdebatte
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Gerhard Katschnig, Zwischen kritischem Wissensdiskurs und tradierter Selbstjustiz 63

Nachdeme nun sowol der Popp als ich dieses Spectacul gese-hender Pövel aber mehr und mehr ergrimter als bestürtzterwurde/ haben sie gesamte Unterthanen in schneller Eil einenPfeil gespitzet/ solchen dem Todten- Cörper zu durchste-chen, an das Hertz gesetzet[...] sie haben endlich oftermeld-ten Cörper/ in hoc casu, gewöhnlichem Gebrauch nach/ zuAschen verbrennet[...]." 15

Die Ausgabe des Wienerischen Diariums endet mit einer Listaderen Getauften zu Wien/ in und vor der Stadt Ende März/ Anfang April1725, ohne Weiteres über die Vorfälle in Kisolova anzuführen. Derbemerkenswerte Hinweis auf, in hoc casu, gewöhnlichem Gebrauch"lässt vermuten, dass solche Geschehnisse- sowohl die Bedrohung alsauch die Praktiken der Abwehr und zukünftigen Verhütung- denDorfbewohnern wie Dorfbewohnerinnen vertraut waren und ersteine über das jeweilige Dorf hinausgehende Bedeutung erlangten,als die habsburgische Landesverwaltung auf das Phänomen aufmerk-sam wurde und es zu ihrem Problem erklärte. Wenngleich aus demmedizinischen Protokoll eine Wiener Sensationsmeldung gemachtwurde, die den Begriff Vampir in die Medien brachte, kam mitdem Abschlussbericht des Generalgubernators der Fall zu den Aktenund erfuhr zunächst keine weitere Verwendung. Mit Ausnahme vonMichael Ranfft, einem Theologen aus Leipzig, der im September 1725seine Dissertation De masticatione mortuorum in tumulis auf die weni-gen Informationen bezog, die aus Belgrad zu bekommen waren, inte-ressierte sich kaum jemand für die seltsamen Vorfälle.16

Dies änderte sich, als im Dezember 1731 in Medvegya an derMorawa, einer Ortschaft südlich von Belgrad, vergleichbare Gescheh-nisse auftraten. Bewohner und Bewohnerinnen dieser Grenzregionmeldeten ähnliche Beschwerden über unerklärliche Todesfälle beiihrem zuständigen Armeekommandanten. Dieser schickte den aufSeuchen spezialisierten und in kaiserlichen Diensten stehenden ArztGlaser( Physicus Contumaciae Caesareae) in den Ort. Nachdem

15 Ebd.

16

Vgl. Peter M. Kreuter: Krankheit und Vampirglaube. Ein Beitrag zurPhänomenologie des blutsaugenden Wiedergängers in Südosteuropa.In: Quo vadis, Romania? 18/19, 2001/2002, S. 59-72, hier S. 67.