Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde123 (2020) / N.S. 74Katschnig, Gerhard: Zwischen kritischem Wissensdiskurs und tradierter Selbstjustiz

  
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Zwischen kritischem Wissensdiskurs und tradierter Selbstjustiz : Georg Tallars Visum Repertum Anatomico Chyrurgicum im Spiegel der aufklärerischen Vampirismusdebatte
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ÖZV, LXXIV/ 123, 2020, Heft 1+ 2

Von der unbeachteten Grenzlandseuche zur medialen Sensation:die Karriere des Vampirismus- Diskurses im HabsburgerreichVorstellungen und Berichte von blutsaugenden Dämonen, Nachzeh-rern oder wiederkehrenden Toten mit für Angehörige oder in dernahen Umgebung Lebende fatalen Absichten reichen kulturübergrei-fend bis in die Antike zurück- sie bezeugen die Signifikanz von Blutzwischen dem Mysterium der Opfergabe und der Lebenskraft einesMenschen. Die Frage nach den Wurzeln des Glaubens an Vampire,die wohl gleich alt sind wie diese Vorstellungen von bzw. die Furchtvor wiederkehrenden Toten, bleibt im folgenden Beitrag unbeant-wortet, kann aber an anderen Stellen nachgelesen werden.³ Frei nachHans Blumenberg sind die Geschichten über Vampire wie jene überantike Mythen im Allgemeinen von hochgradiger Beständigkeitihres narrativen Kerns und ebenso ausgeprägter marginaler Variati-onsfähigkeit. Der narrative Kern besteht darin, dass Verstorbenennachgesagt wird, ihre Gräber verlassen zu haben, um die Lebenden zuschädigen, während die marginale Variationsfähigkeit von der Frage

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So etwa die erinnerungsfördernde Funktion des Blutes im elften Gesangvon Homers Odyssee, als Odysseus den Seher Teiresias in der Unterweltum Auskunft bittet, welcher antwortet:[ W] eiche zurück und wende dasSchwert von der Grube, daß ich trinke des Blutes und dir dein Schicksalverkünde. In: Homer: Odyssee. XI. Gesang. In der Übertragung vonJohann Heinrich Voß. München 2008, V. 95 f.

Eine kleine Auswahl: Thomas Bohn: Der Vampir. Ein europäischerMythos. Köln, Weimar, Wien 2016, S. 31–107; Norbert Borrmann:Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. München 1998,S. 46-52; Claude Lecouteux: Die Geschichte der Vampire. Metamor-phose eines Mythos. Aus dem Französischen von Harald Ehrhardt.Düsseldorf 2008, S. 183-205; Thomas Schürmann: Nachzehrerglaubenin Europa(= Schriftenreihe der Kommission für Ostdeutsche Volkskundein der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde e. V., 51). Marburg 1990,S. 33-42; Gunther Reinhardt: Vampire(= Reclam 100 Seiten). Stuttgart2018, S. 6-15; Gerhard Katschnig: Phänomen der Endlichkeit: Vampiris-mus. In: Aneta Jachimowicz, Alina Kuzborska, Dirk H. Steinhoff( Hg.):Imaginationen des Endes(= Warschauer Studien zur Kultur- und Litera-turwissenschaft, 6). Frankfurt a. M. 2015, S. 289-304, hier S. 294-297;Paul Barber: Forensic Pathology and the European Vampire. In: Journalof Folklore Research 1( 24), 1987, S. 1-32, hier S. 7-23; Christoph Daxel-müller: Aberglaube, Hexenzauber, Höllenängste. Eine Geschichte derMagie. München 1996, S. 46-94.

Vgl. Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos. Frankfurt a. M. 2014, S. 40.