Gerhard Katschnig
Zwischen kritischem Wissens-diskurs und tradierter Selbstjustiz:Georg Tallars Visum RepertumAnatomico Chyrurgicum im Spiegelder aufklärerischen Vampirismus-debatte
Im 55. Band der Medicinischen Jahrbücher des kaiserl. königl. öster-reichischen Staates aus dem Jahr 1846 schrieb der Jurist Franz von Ney( 1803-1879) über die medizinisch- juristische Beurteilung irritierenderVorkommnisse, die sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ander Militärgrenze im Südosten des Habsburgerreiches ereignet hatten.In dieser Zeit kam es zu einer Häufung ungewöhnlicher Todesfälle inmehreren Grenzdörfern, welche von der lokalen Bevölkerung mit demGlauben an Vampire in Verbindung gebracht wurde. Die staatlicher-seits eingesetzten Untersuchungskommissionen versuchten, durch Gut-achten und Aufklärungsarbeit die Lage in den politisch und kulturellstrategischen Randzonen zu klären. Von Ney kam zu dem Schluss,dass es erst einem gewissen Georg Tallar gelungen sei,„ diesen Gegen-stand in einer vollkommen befriedigenden Art zu beleuchten.“ Derfolgende Beitrag überprüft von Neys Conclusio anhand ausgewählterQuellen und widmet sich im Speziellen Tallars methodischem Zugangseines 1753 der habsburgischen Landesadministration erstattetenBerichts Visum Repertum Anatomico Chyrurgicum.
1 Franz von Ney: Ueber die medicinisch- gerichtliche Beurtheilung vonErscheinungen, welche übernatürlichen Einflüssen zugeschrieben werden.In: Johann von Raimann( Hg.): Medicinische Jahrbücher des kaiserl.königl. österreichischen Staates 1( 55), 1846, S. 269-292, hier S. 276.