294
Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXXII/ 121, 2018, Heft 2
tiert. So haben wir z. B. bereits im September 2015 eine kurze, sehr aktuelleFotoreportage über die positive Aufnahme von Flüchtlingen in der Steier-mark gezeigt, die der Verein Zebra produziert hatte. Über diese Koopera-tion haben wir uns sehr gefreut. Diskussionsrunden, Filmabende, Feste,Theater oder Publikumsaktionen und vieles andere mehr sind in meinenAugen deutlich besser geeignet, auf aktuelle Ereignisse einzugehen, alskomplexe Ausstellungen. Das habe ich leider viel zu wenig gemacht. DasVolkskundemuseum in Wien ist da aber auf einem sehr guten Weg.
KEA: Wie siehst Du den Einbezug künstlerischer Konzepte oder auchden Rückgriff auf Künstlerinnen und Künstler zur Kuratierung eth-nologischer oder kulturwissenschaftlicher Ausstellungen- MarkusWalz hat in diesem Zusammenhang ja von der, Verkunstung, des eth-nologischen Museums gesprochen?
EK: Sehr salopp würde ich sagen: Wenn mir als Wissenschaftlerin zurVermittlung meines Wissens gar nichts mehr einfällt, dann greife ichzurück auf Kunst. Die darf frei assoziieren, braucht sich nicht um Quel-len und Kontexte, Genauigkeit, Beweisbarkeit, Vergleichbarkeit und alldie Kriterien scheren, die wissenschaftliche Arbeit auszeichnet abernatürlich auch langwierig macht. Eine künstlerische Inszenierung kannhier und da mal eine ergänzende nette Auflockerung darstellen, doch sienimmt den Gegenständen ihre ursprüngliche Aussage, beraubt die Men-schen, über die diese Dinge berichten sollten, ihrer Sprache. Das ist eineArt der neuen Kolonialisierung, die ich vor allem in ethnologischen Aus-stellungen für ziemlich fatal halte.
Der Ersatz wissenschaftlicher Erkenntnis durch künstlerische Stel-lungnahmen stellt in meinen Augen nicht nur der Kommunikationsfä-higkeit der Wissenschaft ein Armutszeugnis aus, sondern ist eigentlichauch eine Art Vergewaltigung der künstlerischen Freiheit. Ich hoffe, dassdiese Mode bald vorbei ist.
Etwas anderes ist es, wenn wir Kunstwerke als gesellschaftlichenAusdruck in die Betrachtungen einer Ausstellung einbeziehen, wenn wiralso auch über den Einfluss eines Phänomens auf die Kunst wie überalle seine anderen Facetten berichten. Ein Beispiel: In der AusstellungBlut, Schweiß und Tränen wurde unter anderem der Rolle des Bluts inTexten und Darstellungen der populären Religion im 18. und frühen19. Jahrhundert nachgegangen. Da gab es ja als Spätfolgen der Gegenre-formation sehr drastische sogenannte Erbauungstexte, in denen das Blut