Chronik der Volkskunde
Carsten Juwig( Hamburg). Am Beispiel der Taufkatechesen des BischofsAmbrosius von Mailand rekonstruierte Juwig den Ablauf spätantikerTaufrituale im 4. Jahrhundert und nahm dabei im Wesentlichen diebildlich- ästhetische Dimension des mehrstufigen kirchlichen Initiations-prozesses in den Blick. Die Taufliturgie in der Osternacht und diemehrwöchige Prozedur der Vorbereitung darauf( durch Salbungen, Exor-zismen, Gebete, Unterricht etc.), repräsentiere den Leidenswegs Christi,den die Täuflinge vor ihrer Aufnahme in die kirchliche Gemeinschaft imwahrsten Sinne am eigenen Leib erfahren sollten. Die Initiation könnesomit als Handlungschoreografie und synästhetisches Erlebnis gedeutetwerden, die ihre Wirkkraft beispielsweise auch aus Architektur und Aus-stattung von Taufkapellen, Ausrichtung von Taufbecken oder vorgegebe-nen Bewegungsabläufen bei der Zeremonie gezogen habe.
Den Auftakt zum letzten Tagungspanel unter dem Leitbegriff„ Mate-rialitäten machte Andreas Plackinger( München/ Florenz) mit seinemBeitrag über die Praxis des Tröstens zum Tode Verurteilter mittels soge-nannter tavolette im Italien der frühen Neuzeit. Diese, mit christlichenLeidensmotiven versehenen Bildtafeln wurden den DelinquentInnenbeim letzten Gang von den confortatori dicht vor Augen gehalten. Diesenin Laienbruderschaften organisierten Tröstern oblag die seelsorgerischeBetreuung und Begleitung von Verurteilten von der Haft bis zu ihreröffentlichen Hinrichtung. Anhand eines Leitfadens mit Anweisungenzum geistlichen Trösten aus dem Besitz der Confrateria di Santa Mariadella Morte zeigte der Kunsthistoriker auf, wie das intensive Zusammen-spiel von Bildeinsatz und weithin hörbarem Beten auf dem Weg zur Hin-richtungsstätte gleich mehrere Funktionen erfüllte: Neben dem Ziel, dasSeelenheil des Sünders zu retten, habe seine sensorische Ablenkung auchdazu gedient, den störungsfreien Ablauf des Spektakels zu gewährleisten.Zudem seien die audiovisuellen Elemente ausschlaggebend dafür gewe-sen, den Delinquenten auf seinem letzten, als Abbild der Passion Christiinszenierten Gang als Bekennenden und Bereuenden darzustellen, derdaraufhin-- von seinen Sünden erlöst- christlich vorbildlich dahinschied.
Sogenannte Memento- Särglein aus dem 17. und 18. Jahrhundertwaren Gegenstand des abschließenden Vortrages von Lena Sommer( Hamburg). Die kleinformatigen, sargförmigen Kästchen beinhaltenfigürliche Darstellungen verwesender Leichname aus Wachs und weisenzudem mitunter appellierende Inschriften auf. Die fast ausschließlich ausdem katholisch- süddeutschen Raum überlieferten Stücke- so Sommer- könnten als Meditationsobjekte gedeutet werden, die im Kontext der
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