Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde121 (2018) / N.S. 72Schicklgruber, Christian; Schmidt-Lauber, brigitta: Kunst oder Ethnographie?

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Kunst oder Ethnographie? : ethnographische Sammlung und Repräsentation im Weltmuseum [Gespräch]
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXXII/ 121, 2018, Heft 1

Weltmuseum aber trotzdem auch einen gewissen Widerspruch zumim deutschsprachigen Raum lange Zeit dominanten Modus, dieZuständigkeiten des Faches Ethnologie( bzw. in Wien Kultur- undSozialanthropologie als quasi Allround- Begriff) kontinental und regi-onal zu ordnen. Das waren ja lange Zeit auch die Ordnungsprinzi-pien von Völkerkundemuseen und damit Rekurse auf eine verkürztePerspektive auf Kultur, die als räumlich geschlossen gedacht wurde.Transportiert ein Begriff wie Weltmuseum kulturtheoretisch neuePrämissen der Ethnologie, etwa mit Blick auf Globalisierung undVernetztheiten kultureller Einflüsse?

CS: Grundsätzliche Wissenschaftsgeschichte oder Wissenschaftstheoriehat da weniger eine Rolle gespielt als vielmehr, im Titel zu zeigen, dasses letztlich eine Welt ist und wir leben auf einer Welt. Diese TrennungAfrika/ China/ Südamerika ist im 21. Jahrhundert hinfällig gewordenüber Migrationen, Bewegungen, Globalisierung, Internet etc. gibt esdiese Grenzen einfach nicht mehr. Wenn ich im Museum eine Reihe vonSälen Afrika und dann China habe, spiegelt das nicht( mehr) die Welt.

BSL: Das ist ein spannender Spagat: Auf der einen Seite derAnspruch, nicht die Welt zu repräsentieren, und auf der anderenSeite der Anspruch, auf die Pluralität in der Welt aufmerksam zumachen.

CS: Das kann natürlich wie ein Widerspruch erscheinen. Aber letztendlichwollen wir diese Widersprüche auch aufheben. Beispielsweise im thema-

tischen Raum Migration. Hier ist es notwendig, klar zu sagen, dass es diein sich abgeschlossene Kultur nie gegeben hat. Kultur wäre tot, sobaldsie sich wirklich abschottet. Gesellschaftliche Entwicklung und kulturelleVeränderung haben sich immer über Kontakte ergeben; und seitdem esMenschen gibt, migrieren sie, treffen sich, befruchten sich gegenseitig,schlagen sich gegenseitig den Schädel ein. Aber man schärft sich durcheinander, man reibt sich aneinander, man übernimmt einiges und es ent-steht etwas Neues. Gesellschaft und Kultur bleiben und sind lebendig.

BSL: Gesellschaftspolitisch ist ja gerade eine sehr brisante, relevanteFrage jene nach Migration, Konfrontation mit Fremden und Typi-sierung von Fremden und die Idee der geschlossenen Kultur. Wel-che Bedeutung hat diesbezüglich die aktuelle gesellschaftspolitische