Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde121 (2018) / N.S. 72Schicklgruber, Christian; Schmidt-Lauber, brigitta: Kunst oder Ethnographie?

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Kunst oder Ethnographie? : ethnographische Sammlung und Repräsentation im Weltmuseum [Gespräch]
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130 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXXII/ 121, 2018, Heft 1

der Schausammlung den Besucher* innen zu einem Bild zusammenfü-gen. Und zwar nicht zu einem Bild So ist Afrika, sondern das Bild,das entstehen soll und das hoffentlich auch entsteht, ist das Bild einerkulturellen Vielfalt der Welt und letztendlich von einer Gleichwertigkeitverschiedener kultureller Erscheinungen. Sehr wichtig finden wir, dassüber die Darstellung der/ des Anderen" auch Fragen an das Eigene" ent-stehen. Wenn ich über soziale Beziehungen oder religiöse Vorstellungenirgendwo berichte, soll das letztendlich auf diese Fragestellung zurück-führen: Und wie ist das jetzt bei uns?" Was wir anregen wollen, ist eineFrage; die Antwort muss sich jeder selbst geben. Dieses Konzept ist zumBeispiel umgesetzt im neu erschienenem Buch zum Weltmuseum mitdem Titel Welt Museum Wien, wo es nicht mehr wie in alten Museums-büchern das Kapitel Afrika und China gibt, sondern wir finden dort einegrößere Anzahl von in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten. Auch in derAbfolge dieser Geschichten im Buch findet sich kein Überkapitel Afrikamit zehn afrikanischen Geschichten, sondern wir haben einen grundle-gend anderen Weg gewählt: Jede dieser Geschichten hat einen Titel, diewir alphabetisch danach im Buch angeordnet haben, um zu zeigen: Dawird nicht Afrika dargestellt, sondern es werden kurze Geschichten ausder ganzen Welt präsentiert, die jede für sich gelesen werden können unddie letztlich zu dem Eindruck einer spannenden Vielfalt führen.

BSL: In dem genannten Museumsbuch sind ja auch die Kurator* innenin ihrer Funktion als Auswählende und Repräsentierende gezeigt.Soll die Kenntlichmachung des persönlichen Einflusses auch dem seitWriting Culture diskutierten Anspruch der Ethnologie auf Polypho-nie entsprechen?

CS: Die Überlegung war, sich ganz bewusst von dem Anspruch zu ver-abschieden, das Museum als wissenschaftliche Autorität könne die Welterklären. Alle diese Geschichten erzählen letztendlich viel mehr über denErzähler. Jeder schleppt seine Biographie mit sich, und die Biographieschärft oder bestimmt die Geschichte, die erzählt wird, und auch dieAuswahl der Objekte. Wir haben acht Abteilungen, in jeder Abteilungsind etwa 30.000 Objekte im Depot. Da muss ich Objekte auswählenvielleicht hundert-, und allein die Auswahl ist geprägt von der persön-lichen Biographie. Um das zu verdeutlichen, haben wir im Museums-buch ein Kapitel aufgenommen, in dem auf einer ganzen Seite jeweilsKurator* innen abgebildet sind mit einem Objekt in der Hand. Das Kapitel