Norbert Schindler, Ein bäuerlicher Münchhausen?
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nicht nur in den großen Städten, sondern auch in den Territorien längstgab? Angesichts der wachsenden Verelendung der unteren Schichten undder zahllosen krassen Notfälle in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun-derts wäre das freche Ansinnen eines 13- jährigen Tirolerlümmels, vonder Kaiserin einen Hut voller Geld zu begehren, dort wohl kaum mitWohlwollen aufgenommen, sondern mit der naheliegenden Begründungabgewiesen worden, er solle, anstatt Faxen zu machen, lieber auf seinereigenen Hände Arbeit bauen. Gewisse Fragezeichen werfen auch dieUngereimtheiten in der Detailschilderung seiner ersten Begegnung mitder Majestät auf. So hielt er- unwissend, wie er war oder sich zumindeststellte zunächst eine prächtig aufgeputzte Hofdame für die Kaiserin.Als er Maria Theresia dann vorgeführt wurde,„ lachte[ sie]" über dieseVerwechslung,„ daß ihr der Bauch geschottert hat", 67 und streckte ihmhuldvoll die Hand zum Handkuss entgegen, er jedoch habe sie ausge-schlagen und sei vor ihr niedergesunken, um ihren Rocksaum bzw.„, denKittel" zu küssen. Zu diesem fast formvollendeten höfischen Kniefall( dasspanische Hofzeremoniell sah eigentlich drei Kniefälle vor der Kaiserinvor, die aber zunehmend abgekürzt wurden) passt dann aber wiederumnicht, dass er die Kaiserin in seinem derben Tiroler Dialekt duzte, ja imvertraulich- respektlosen Diminutiv„ Maria Theresl" nannte.668 Wie nunalso? Kannte er die höfische Etikette bereits einigermaßen oder war er derahnungslose Simplizissimus? Diese Widersprüche lassen sich m. E. nurdurch die lange Geschichte auflösen, die diese Story selbst durchlaufenhatte. Prosch brachte sie ja erst 30 Jahre später zu Papier, und er hatte sieohne Zweifel inzwischen Hunderte von Malen erzählt. Abgesehen vonden ganz normalen Verschleifungen, die der Redundanz des Erzählpro-zesses geschuldet sind, erhebt sich der konkrete Verdacht, dass Proschdiese Geschichte nachträglich ausgeschmückt und mit Schwankelementenangereichert hat, die ihn ins beste Narrenlicht rücken sollten. Solche hin-zugedichteten Anreicherungen sind etwa die Behauptung, er habe sie nachihrem Gunsterweis vor Freude an den Hüften umfasst, ich„ nahm sie beider Mitte, sprangund hüpfte um sie herum und sang:„ Drall lall la, Dralllall la!" und ,,, wenn du einmal ins Tyrol kommst“, zu einem Gegenbesuchin seinem neuen Haus eingeladen.69 Die nachträglichen Hinzufügungenstoßen sich zwar gegenseitig und verleihen der Gesamterzählung eine
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Ebd., S. 52.
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Ebd.
69
Ebd., S. 54.
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