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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXXII/ 121, 2018, Heft 1
auf die Erhaltung und Bekräftigung der bestehenden Netzwerke und derihnen eingeschriebenen Hierarchien, war mit einer modernen, auf Ver-einheitlichung gerichteten staatlichen Finanzpolitik jedoch kaum noch zuvereinbaren. Ihr entschieden rationalistischer kalkulierender Sohn undNachfolger bescheinigte ihr für diese traditionelle„ do ut des“-Politik,„ dieKaiserin habe eine unvorstellbare Konfusion hinterlassen". Das gemeineVolk jedoch suchte sich die anerkannte Wohltäterin zu Lebzeiten nachKräften vom Leib zu halten. Die Fama von„ Maria Theresias Zugänglich-keit selbst für den Geringsten der Untertanen", so ihre jüngste BiografinBarbara Stollberg- Rilinger,„ ist ein historiographisches Märchen“.64
Es liegt auf der Hand, dass ein naiver Tirolerbub, der die Kaiserinlediglich um Geld für den Bau eines eigenen Wohn- und Wirtschaftshau-ses anbetteln wollte, in diesem komplizierten höfischen Gunstsystem mitall seinen hintergründigen strategischen Protektions- und Balancegedan-ken äußerst schlechte Karten haben musste. Und dennoch hat die Begeg-nung Proschs mit seiner Kaiserin nach allem, was wir wissen können,tatsächlich stattgefunden.65 Wochenlang musste er, wie das üblich war,im Vorfeld warten, bis er schließlich doch zur Audienz mit der Kaiserinin Schönbrunn vorgelassen wurde. Sie amüsierte sich über seinen naivenBettelbrief und bescherte ihm spontan die 24 Dukaten, die er für seineExistenzgründung benötigte. Anderntags ließen dann die Hofdamen, diehinter der Freigiebigkeit ihrer Herrin nicht zurückstehen wollten, fürseine ulkigen Tanzvorführungen noch ein paar weitere Dukaten sprin-gen. Die ersehnte Branntweinbrennerlizenz jedoch erhielt er erst nachvier Jahren, das Bierausschankrecht für seine Gastwirtschaft gar erstzwölf Jahre später.66 Doch was veranlasste Maria Theresia zu dieser Aus-nahmebehandlung? Warum verwies sie sein Anliegen nicht schlicht undeinfach an die bürokratisierten Almosen- und Wohlfahrtsämter, die es
Abstammung getarnt, in Wahrheit jedoch der Quell zahlloser opulenter Geschenkeund Bestechungsgelder, auf knapp sechs Millionen Gulden. Verwaltet bzw. gema-nagt wurden diese hinter den Kulissen fließenden Gelder von ihrem kaiserlichenEhemann Franz Stephan, der zwar in den Regierungsgeschäften kaum eine Rollespielte, aber ein gerissener Geschäftsmann war, der im Laufe seiner, Regierungszeitein gewaltiges Privatvermögen von ca. 18 Millionen Gulden anhäufte( vgl. KarlVocelka, Lynne Heller: Die private Welt der Habsburger. Leben und Alltag einerFamilie. Graz, Köln, Wien 1998, S. 206).
64 Stollberg- Rilinger 2017( wie Anm. 55), S. 846.
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Ebd., S. 327-331.
66 Prosch 1964( wie Anm. 9), S. 153f. u. 174.